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„Verwüstung“ bedeutet nicht

einfach nur Zerstörung oder

Vernichtung. Das darin enthal-

tene Wort „Wüste“ zeigt, dass

mit Verwüstung ausschließlich

die zerstörerische Verödung

von Landschaften gemeint ist.

Genau dieser Effekt wird in letz-

ter Zeit einem immer beliebter

werdenden Trend in der Gar-

tengestaltung zugeschrieben.

Es handelt sich um das klecker-

weise, aber in der Summe groß-

flächige Versiegeln von Land-

schaften durch das Anlegen von

Stein- und Schottergärten.

Während in fast allen deutschen

Großstädten Maßnahmen zur Schaf-

fung neuer Grünflächen durchgeführt

und Bepflanzungen von Hof-, Dach-

und Fassadenflächen gefördert wer-

den, wirkt das Aufkommen neuer

Schottergärten diesen Bemühungen

direkt entgegen.

„Modern, unkrautfrei und pflege-

leicht!“ – So lauten die Werberufe,

durch die sich immer mehr Bauher-

ren und Hausbesitzer dazu hinreißen

lassen, ihren Vorgarten teilweise oder

auch ganz in eine Steinwüste zu ver-

wandeln. Dieser Trend zeigt sich nicht

nur auf Privatgrundstücken, sondern

auch bei der Geländegestaltung rund

um amtliche Gebäude. Hier wie da

entstehen Steinpflasterlegungen, an

denen granitumrandete großflächige

Kiesbeete anschließen. Diese enthal-

ten – wie der Name schon sagt – kei-

ne fruchtbare Erde, sondern knie-

tiefe Aufschüttungen wahlweise aus

Quarzkies, Schiefersplit, Lavamulch

oder weißem, gelbem oder rotem

Marmorkies. Ökologisch nimmt sich

so eine Steinwüste wie ein lebloser

Hornhautüberzug aus. Mit dem Be-

griff „Landschaftsversiegelung“ hat das

erstickende Abdecken natürlichen

Bodens einen bezeichnenden Na-

men erhalten.

Beim Anlegen von Schottergärten

trägt man meist die gesamte Oberbo-

denkrume – also die rund 30 Zenti-

meter dicke, fruchtbare Humusschicht

– ab. Der Grund der Vertiefung wird

in vielen Fällen nicht mit einem dafür

vorgesehenen wasserdurchlässigen

Vlies, sondern mit einer Teichfolie

ausgelegt. Dadurch kommt es zu ei-

nem verstärkten Versiegelungseffekt.

Mit Schotter oder Kies aufgeschüttet

bleibt schließlich ein Areal ganz ohne

Pflanzen und Bodenorganismen zu-

rück. „Das Ergebnis ist ökologisch so

tot wie ein Stück Autobahn“, heißt es

auf faz.net.

In vielen Fällen stammt das Füllmateri-

al nicht aus heimischen Steinbrüchen.

Mitunter handelt es sich um Asien-Im-

porte, vor allem aus China und Indien.

Wenn aber unzählige Tonnen loses

Gestein über die Meere geschippert

und in Ländern verhökert werden,

in denen Kieswerke und Steinbrüche

nicht eben rar sind, ist das nicht nur

marktgesetzlicher Unsinn. In puncto

Klimaschädlichkeit stellt dies einen

handfesten Frevel dar.

Steinerne Versiegelungen spielen sich

indes nicht nur auf der Fläche ab.

Manchmal erstrecken sie sich auch

dimensional in die Höhe. Anstelle

von Hecken und Zäunen nämlich

umgrenzen Bauherren ihre Grund-

stücke vielfach mit sogenannten Ga-

bionen. Bei diesen handelt es sich um

Drahtgitterkörbe, die meist mit grob-

kantigen und sich ineinander verkei-

lenden Gesteinsbrocken gefüllt sind.

In puncto Design mögen Gabionen

in Schottergärten als Umzäunungen

oder Zierelemente durchaus ergän-

zend wirken. In ökologischer Hinsicht

jedoch verstärken sie einen höchst

nachteiligen Effekt steinerner Land-

schaftsversiegelungen.

Fast ebenso nachhaltig wie Backofen-

steine oder Schamott nämlich spei-

chert das Gestein in Schottergärten

und Gabionen die Sonnenwärme.

Derart hitzegeladen übt es vor allem

nachts einen Heizeffekt auf seine Um-

gebung aus. Da es in diesen Gärten

keine oder nicht genug Pflanzen gibt,

die durch ihre Ausdunstung für eine

natürliche Abkühlung sorgen würden,

kommt es zu lokalen und folgenrei-

chen Temperaturanstiegen.

Viele in der näherenUmgebung heimi-

sche Tier- und Pflanzenarten können

den veränderten Lebensbedingungen

nicht standhalten und verschwinden.

Verschiedene Neobiota – also aus

anderen Zonen eingewanderte oder

eingeschleppte Arten – aber werden

davon angezogen. Diesen behagt es

im klimatisch aufgeheizten Umfeld

von solchen Steingärten. Sie machen

sich ungehindert breit und verdrängen

weitere heimische Arten. Der Um-

stand, dass beim Anlegen von Stein-

gärten gerne auf nichteinheimische

Pflanzen zurückgegriffen wird, zeitigt

denselben Effekt. Die Fremdpflanzen

verbreiten sich nach und nach auch

außerhalb des Gartens, verdrängen

hiesige Pflanzenarten und stellen für

Tiere keine Nahrungsquelle dar.

Mit einem Ortsgesetzentwurf, das

Bauherren künftig zum Begrünen

und Bepflanzen der Außenflächen

zwingt, hat die Stadt Bremen nun

für Aufsehen gesorgt. Ab Mitte Mai

sollen im geschlossenen Bereich des

Stadtstaats nur noch pragmatisch-un-

verzichtbare Gartengrundstücksver-

siegelungen – in etwa durch Bauen

einer Terrasse oder eines Garten-

hauses – zulässig sein. Wie Joachim

Lohse, Umweltsenator der Stadt

Bremen, sagt, wolle man mit die-

sem Ortsgesetz „der schleichenden

Verschotterung der Vorgärten einen

Riegel vorschieben und dort eine

Bepflanzung sicherstellen“ und damit

auf eine Verbesserung des städti-

schen Kleinraumklimas hinwirken.

Dass dieser Schritt der Hansestadt

in der medialen Berichterstattung

für solch einen Wirbel sorgt, ist nicht

ganz nachzuvollziehen. Schließlich

stehen die Bremer mit dem gesetz-

lichen Verbot von Stein- und Schot-

tergärten in Bauanträgen keineswegs

als Pioniere da. In den Städten Heil-

bronn, Halle und Rastatt gilt diese

Anordnung bereits. Entsprechende

Bauplanauflagen macht man inzwi-

schen auch in Herford, Paderborn

und Xanthen. In Darmstadt, Dort-

mund, Hagen und Zweibrücken un-

ternimmt man derzeit Anläufe, das

Anlegen weiterer Stein- und Schot-

tergärten obrigkeitlich zu unterbin-

den.

Im kommunalpolitischen Diskurs

erhebt sich derweil der Chor ener-

gischer Gegenstimmen. Bauantrag-

stellern vorschreiben zu wollen, wie

sie ihren Garten zu gestalten haben,

sei ein eklatanter Eingriff in die Pri-

vatsphäre. Zudem beschneide sie

das im Recht der persönlichen Ge-

schmacksbekundung.

Vielfach werden Gründe angeführt,

die den Schritt zum Anlegen eines

großflächigen Stein- und Schotter

garten verständlich machen sollen.

Die älteren Bürger möchten sich vor

allem das periodische, anstrengende

Unkrautjäten ersparen, jüngere ha

ben selten Zeit, sich neben Job, Fami

lie und anderen Verpflichtungen auch

noch um einen Garten zu kümmern

„Doch auch im Steingarten gibt es im

mer etwas zu tun“, räumt der Natur

schutzbund Deutschland (NABU) au

seiner Website mit dem Mythos des

pflegeleichten Schottergartens auf.

Nach wie vor müsse Laub, das auf die

Pflaster und Steinbeete fällt, entfernt

werden. Ansonsten komme es in de

Fugen und Zwischenräumen zu Pflan

zenwuchs. Um Moosbefall zu verhin

dern, komme man zudem nicht um

hin, die Steine stets sauber zu halten.

Die Pflege eines ordentlichen Stein

gartens sei von daher nicht weniger

arbeitsintensiv als die eines naturna

hen Gartens. Der NABU rät zudem

dringend zu einer Bepflanzung mit

heimischen Arten. Diese „brauchen

im Gegensatz zu standortfremden

Pflanzen, weniger Pflege. Außerdem

locken sie Schmetterlinge, Hummeln

und Vögel in den Garten.“

pw

S. 2

25. April 2019

Nach

richten

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Kies, Tod & Schotter

Wenn das Leben sich am Steingarten die Zähne ausbeißt

Steingärten sind nur

vermeintlich pflegeleicht

In der Nacht geben Gabionen die tagsüber gespeicherte Sonnenwärme an ihr Umfeld ab. Zu starke Konzentrationen sorgen für eine widernatürliche Erwärmung.

Foto: red

Schottergärten sorgen für

lokale Temperaturanstiege

Echte Steingärten versus

Geröllhalden im Garten

Vernünftig platzierte steinerne Ge-

staltungselemente machen im Gar-

ten durchaus Sinn. In der Natur zeigt

sich das auf bunt blühenden Almwie-

sen. Zuhauf finden sich dort größere

und kleinere vom Gebirge herab-

gerollte Felsbrocken. Diese stellen

eine ökologische Bereicherung der

Landschaft dar. Sie bilden Inseln und

Nischen für wärme- und trocken-

heitsliebende Pflanzen wie Thymi-

an, die von Insekten mit besonderer

Vorliebe angeflogen werden.

So spricht auch im Garten nichts ge-

gen Steinmauern, Granitkugeln, ein-

zelne Schotterbeete, Gabionen oder

Gartenfiguren. Genau genommen ist

jeder Pflastertrittstein, jeder Kiesel,

ja jedes Sandkörnchen ein kleiner

Wärmespeicher mit Auswirkungen

auf sein Umfeld. Das Beispiel Berg-

wiese zeigt, dass diese „Heizsteine“

der Natur höchst willkommen sind.

Gegen echte Steingärten, wie sie

vor etwa 100 Jahren im mitteleuro-

päischen Gartenbau aufgekommen

sind, ist nichts einzuwenden. Wenn

man Kies, Schotter und größere

Steinelemente dazu verwendet, ei-

nen artgerechten Standort für Ge-

birgspflanzen oder andere trocken-

heitsliebende Gewächse zu schaffen,

stellt das einen förderlichen Beitrag

zur Artenvielfalt und Bereicherung

des Nahrungsangebotes für Tiere

dar.

Problematisch wird es nur, wenn

der ganze Garten oder wesentliche

Teile desselben mit einer knietiefen

und jegliches Leben verdrängenden

Geröllschicht versiegelt werden. Bei-

spiele für Gärten dieser Art können

– zur Abschreckung oder zur satiri-

schen Belustigung – auf der Website

des Naturschutzbunds Deutschland

(NABU) und auf Facebook jeweils

unter dem Stichwort „Gärten des

Grauens“ betrachtet werden.