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NEWS

wirtschaft

pressewoche

S. 8

17. Januar 2019

Seit dem 1.1.2019 gibt es in

Deutschland eine dritte Opti-

on beim Geschlecht eines Men-

schen. Neben „männlich“ oder

„weiblich“ können sich inter-

sexuelle Menschen künftig „di-

vers“ in ihrem Ausweis eintra-

gen lassen.

Das ist keine Kleinigkeit, denn da-

durch erkennt der deutsche Staat

erstmals an, dass es mehr als zwei

Geschlechter gibt. Doch es geht

um mehr als nur einen Buchstaben

im Geburtenregister: Diese Option

lässt den Menschen, die sich nicht

einem bestimmten Geschlecht zu-

gehörig fühlen, endlich auch die

nötige Anerkennung und Respekt

zukommen.

Bundesver f assungsger i cht :

Drittes Geschlecht notwendig

Es hat lange gedauert. In den Jah-

ren zuvor waren einige politische

wie juristische Vorstöße für die Ein-

führung eines dritten Geschlechts

in Deutschland ins Leere gelaufen.

Nun aber hatte 2017 das Bundes-

verfassungsgericht in Karlsruhe ein

Machtwort gesprochen. Es be-

wertete die beslang bestehenden

Regelungen als nicht verfassungs-

konform (1 BvR 2019/16) und gab

dem Bundestag Zeit bis Ende 2018,

sich für eine aus zwei Optionen zu

entscheiden: entweder sollte eine

positive dritte Geschlechtsoption

eingeführt werden oder es sollte auf

einen personenstandsrechtlichen

Geschlechtseintrag ganz verzichtet

werden. Die Begründung der Karls-

ruher Richter: Die Regelungen des

Personenstandsrechts sind mit den

grundgesetzlichen Anforderungen

insoweit nicht vereinbar, als § 22

Abs. 3 Personenstandsgesetz (PStG)

neben dem Eintrag „weiblich“ oder

„männlich“ keine dritte Möglichkeit

bietet, ein Geschlecht positiv eintra-

gen zu lassen. Daher muss nun ein

drittes Geschlecht in das Personen-

standsregister aufgenommen wer-

den. Berlin entschied sich für die

erste Option. Im Dezember 2018

beschlossen Bundestag und Bun-

desrat das „Gesetz zur Änderung

der in das Geburtenregister einzu-

tragenden Angaben“.

Was Arbeitgeber nun wissen

müssen

Das Allgemeine Gleichbehand-

lungsgesetz (AGG) stellt neben der

Religion, der Weltanschauung, der

Rasse, der ethnischen Herkunft,

der Behinderung, dem Alter und

der sexuellen Identität auch das Ge-

schlecht unter Schutz. Wird daher

ein Mitarbeiter wegen seines Ge-

schlechts benachteiligt, stellt dies

einen arbeitsvertraglichen Verstoß

des Arbeitgebers dar. Das bedeu-

tet: Der Arbeitnehmer hat ein Be-

schwerderecht, dem Arbeitgeber

kann Schadensersatz drohen, sorgt

er nicht für eine diskriminierungs-

freie Arbeitsumgebung. Noch sei

vieles offen, ist aus Juristenkreisen

zu hören. Doch einige Themen sind

schon klar: So sollte der Arbeitgeber

beispielsweise bei Stellenausschrei-

bungen auch das dritte Geschlecht

berücksichtigen, will er nicht ge-

gen das Gesetz verstoßen. Bislang

wurden neue Mitarbeiter meist so

gesucht: „Service-Mitarbeiter“ oder

„Versicherungssachbearbeiter (m/

w)“. Das wird künftig nicht mehr

ausreichen. Es muss ein „d“ für di-

vers eingefügt werden.

Im Textteil der Stellenausschreibung

sollte die Ansprache auch wertfrei

sein, das heißt direkt oder neutral

formuliert werden, wie beispiels

weise „Wir bieten Ihnen …“ oder

„Diese Fähigkeiten setzen wir voraus

…“. Andere Themen, wie die Not

wendigkeit dritter Toiletten oder die

richtige Anrede in Anschreiben sind

noch nicht geklärt. Beim Toiletten-

Thema könnte es zukünftig vielleicht

sogar einfacher werden. In andere

Ländern, die ein ähnliches Gesetz

haben, ist man meist auf Unisex-Toi

letten ausgewichen. Noch sind viele

Fragen offen, doch Unternehme

sollten sich darauf einstellen, dass

Arbeitsgerichte beim Thema Diskri

minierung zunehmend sensibel rea

gieren.

bb

Weiblich, männlich, divers:

Was Arbeitgeber beachten müssen

Hermaphroditos, eine griechische Gottheit diversen Geschlechts. Erst als Junge geboren, wird sie schließlich durch Wirken der Götter mit der Nymphe Salmakis zu einem Zwitterwesen verschmolzen.

Foto: shutterstock

Ein antiker Vertreter des diversen Geschlechts