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S. 2

13. Dezember 2018

Nach

richten

Moralisch empfindende Eltern,

die ihren Kindern raten, stets

die Wahrheit zu sagen – Zeu-

gen vor Gericht, die gemäß

Paragraph 64 der Strafprozess-

ordnung schwören müssen,

„die reine Wahrheit gesagt und

nichts verschwiegen“ zu haben

– Diese Beispiele zeigen, dass

das Wort Wahrheit nach wie vor

im allgemeinen Wortschatz ver-

ankert ist und auch ganz unbe-

fangen gebraucht wird.

Dabei verhält es sich mit dem Begriff

Wahrheit wie mit dem Begriff Zeit.

Man glaubt, man wüsste sehr wohl,

worum es dabei geht. Wird man je-

doch dazu aufgefordert, das Wesen

der Wahrheit zu erklären, gehen ei-

nem bald die Begriffe aus oder man

bleibt lediglich an der Oberfläche.

Dann merkt man sehr schnell: Ganz

so leicht lässt sich der Begriff Wahrheit

doch nicht bestimmen.

Wolfgang Detel, Inhaber des Lehr-

stuhls für Antike Philosophie an

der Goethe-Universität in Frank-

furt am Main, bespricht in seinem

Buch „Grundkurs Philosophie Logik“

mehrere Wahrheitsentwürfe. Drei

– durch ihre historisch verbürgte Feh-

leranfälligkeit besonders interessante

– Entwürfe werden im Folgenden

dargestellt.

Naturwissenschaftlicher

Wahrheitsbegriff

Das altgriechische Wort für Wahrheit

lautet „alétheia“, was übersetzt „das

Unverborgene“ bedeutet. Mit der

Auffassung, das Unverborgene be-

ziehe sich rein auf das Stoffliche und

Gegenständliche, reduzieren manche

das Wahre allein auf das Wahrnehm-

bare. Für sie zählen nur Dinge, die

eine messbare physikalische Ausdeh-

nung haben und gesehen, ertastet,

gehört oder mit sonst einem Sinn

wahrgenommen werden können. Als

wahr gilt eine Aussage also nur dann,

wenn die darin erwähnten Einzelge-

genstände und Eigenschaften wahr-

nehmbar sind und ihre Beziehung

zueinander sachlich bestätigt werden

kann. Die Fakten müssen somit über-

einstimmen.

Wenn auch diese Wahrheitsauffas-

sung die Entwicklung der Naturwis-

senschaft immens vorangetrieben hat,

wird darin jedoch die Bedeutung der

Sinneswahrnehmung überhöht. Phä-

nomene wie optische Täuschungen

aber zeigen, wie leicht die Sinne in die

Irre geführt werden können.

So berichtet der Psychologe Gusta-

ve Le Bon, wie auf einer Fregatte ein

mit vielen Schiffsbrüchigen beladenes

Wrack gesichtet wurde. Mehrere

Seeleute bestiegen daraufhin ein Boot

und fuhren den Seenotleidenden ent-

gegen. Je näher sie dem Wrack ka-

men, desto deutlicher begannen sie

Massen von winkenden Menschen

darauf zu erkennen und den „dump-

fen und verworrenen Lärm einer gro-

ßen Anzahl Stimmen“ zu vernehmen.

Als sie in nur noch geringer Entfernung

waren, wurde jedoch sehr schnell of-

fenkundig, dass ihre Augen und Oh-

ren sie die ganze Zeit genarrt hatten.

Bei dem vermeintlichen Wrack han-

delte es sich nur um einige belaubte

Äste, die im Wasser trieben.

Wenn der Stellenwert der sinnlichen

Wahrnehmung allzu hoch ausfällt,

kann es zudem richtig gefährlich wer-

den. Bewusstseinsinhalte wie Ver-

nunft, Gerechtigkeit, Moral, Liebe

oder Menschenwürde besitzen keine

physikalische Ausdehnung und kön-

nen nicht wahrgenommen werden.

In einem rein naturwissenschaftlichen

Wahrheitsverständnis haben sie von

daher keinerlei Geltung. Dabei sind

diese geistigen Inhalte für den Men-

schen von allergrößter Wichtigkeit.

Eine Gesellschaft aber, für die Moral

und Menschenwürde keinen Wahr-

heitswert mehr besitzen, wäre entar-

tet und ausgesprochen skrupellos und

gefährlich.

Expertenbestimmter

Wahrheitsbegriff

Bei diesem Wahrheitsverständnis

– auch konsenstheoretischer Wahr-

heitsentwurf genannt – geht es um

Konsens, das heißt um die Überein-

stimmung von Meinungen. Dieser

Konsens kommt laut Detel dadurch

zustande, weil sich „Sachverständige

in freier Diskussion“ darauf geeinigt

haben. Wahrheit ist somit das Er-

gebnis einer intensiven Expertenbe-

ratung. Der Konsens ist ausschlagge-

bend dafür, was als Wissenschaft und

Wahrheit in den Schulen und an den

Universitäten gelehrt wird.

Wenn es sich auch bei den Diskussi-

onspartnern allesamt um Spezialisten

handelt, sind sie dennoch – wie alle

anderen Menschen auch – für Irrtum

anfällig. In ihren Fachdisput kann sich

ohne Weiteres ein Denkfehler ein-

schleichen und unbemerkt bleiben.

Wird dann der Diskussionskonsens als

Wahrheit freigegeben und als Lehrin-

halt für Schulen und Universitäten

legitimiert, wird damit auch der dar-

in enthaltene Irrtum konserviert und

weitervermittelt.

Der französische Mathematiker und

Philosoph Henri Poincaré hat auf-

gezeigt, dass die Wahrheit wissen-

schaftlicher Theorien nicht so sehr auf

Erfahrung beruht, sondern vielmehr

auf Übereinkunft zwischen Experten.

Poincaré macht dies an einem Beispiel

aus der Schulmathematik deutlich.

Bei dem herkömmlichen Verfahren

der Flächen- und Raummessung

handelt es sich um ein theoretisches

System des Euklid, eines griechischen

Mathematikers aus dem 3. Jahrhun-

dert vor Christus. Dass seine Geome-

trie heute noch in den Schulen gelehrt

wird, habe Poincaré zufolge nicht so

sehr damit zu tun, dass sein Verfahren

besonders exakt sei. Mit anderen Ver-

fahren lassen sich sogar noch genaue-

re Messergebnisse ermitteln. Exper-

ten aber haben sich für die einfachere

Theorie des Euklid ausgesprochen.

Dabei enthält sie grundlegende Män-

gel. Bei der Messung von Erdflächen

zum Beispiel wird in Euklids Theorie

die Erdkrümmung außer Acht gelas-

sen. Nach der herkömmlichen Schul-

methode gemessene Erdflächen fallen

in der Praxis somit kleiner aus als sie

es in Wirklichkeit sind.

Das von Poincaré besprochene Bei-

spiel zeigt deutlich, dass ein Wahr-

heitsverständnis, das auf Überein-

kunft von Sachverständigen beruht,

als nicht besonders zuverlässig gelten

kann. Nur allzu leicht können sich

darin rein menschliche Denkfehler

einschleichen.

Ethisch-religiöser

Wahrheitsbegriff

Diese ArtWahrheitsverständnis – auch

kohärenztheoretischer Wahrheitsent-

wurf genannt – ist charakteristisch für

den religiös-ethischen Bereich. In fast

allen Religionen finden sich Bücher,

die als heilig gelten. Diese sind in

der Regel komplex und umfangreich.

Schließlich geht es darum, moralische

Grundsätze und praktische Anleitun-

gen für alle Lebensbereiche daraus

abzuleiten. Jede Denk- und Verhal-

tensweise sollte im Zusammenhang

mit dem Wortlaut des Regelwerks

stehen, also mit ihm kohärent sein.

Als Wahrheit gilt von daher nur das,

was im Einklang mit diesem Wortlaut

steht.

Aus mehreren Gründen kann man

die ethisch-religiöse Wahrheitsauffas-

sung als die erhabenste aller Wahr-

heitstheorien bezeichnen. Hier haben

rein geistige Bewusstseinsinhalte ihren

festen Platz. Anders als im naturwis-

senschaftlichen Wahrheitsverständnis

gelten hier Aspekte wie Vernunft, Tu-

gend, Verantwortung und Menschen-

würde nicht als Scheinbegriffe. Im

Gegenteil, ihnen wird sogar ein über-

geordneter Stellenwert beigemessen.

Der ethisch-religiöse Wahrheitssinn

zielt zudem auf die bestmögliche Re-

gelung eines friedvollen Miteinanders.

Der Mitmensch wird damit zu einer

wesentlichen Größe. Der Einzelne

muss sich darüber bewusst sein, dass

seine Handlungen immer Auswir-

kungen auf andere haben – negativ

oder positiv. Sein Denkstil sollte von

diesem Bewusstsein geleitet sein. Als

Denkender und Handelnder ist er

nicht nur der Gesellschaft gegenüber

verantwortlich, sondern auch einer

weit übergeordneten göttlichen In-

stanz, die als Stifter des regelgeben-

den Wortlauts angesehen wird.

Aber auch dieses Wahrheitsgefüge

ist nicht vor Störungen gefeit. Wie

die Kulturgeschichte zeigt, haben

politisch motivierte Religionsführer

und ihre Theologen den bestehen-

den heiligen Büchern immer wieder

neue Schriften und Lehren beigesellt

und für ebenso gültig erklärt. In vielen

Punkten aber stehen diese in keiner-

lei Berührung mehr mit dem inneren

Zusammenhang des heiligen Wort-

lauts. Sein Wahrheitswert wird damit

angefochten und das darin gezeichne-

te Gottesbild verzerrt und verfälscht.

Durch Manipulationen dieser Art ist

es vielfach gelungen, aus einst fried-

liebenden Glaubensgemeinschaften

kriegführende Nationen zu machen.

Wahrheitsrelativismus

„Was ist Wahrheit?“ – Bei dieser Frage

des Pontius Pilatus handelt es sich um

die wohl bekannteste Äußerung von

Wahrheitsrelativismus. Wer so eine

Haltung bekundet, dem ist nur gan

nebensächlich an Wahrheit gelegen.

Wahrheit ist für ihn ein weitgehend

hohler Begriff, beziehungslos und un

wichtig. Die Suche nach der definiti

ven Wahrheit stellt für so jemanden

eine vergebliche und prinzipiell sinn

lose Unternehmung dar.

Dem römischen Denker Cicero war

ebenfalls nicht so sehr an der Wahr

heit, sondern vielmehr am „Wahr

scheinlichen“ gelegen. In diesemWort

wird der Wahrheitsbegriff relativiert.

Wahrheit und Schein stehen darin wie

gleichberechtigt nebeneinander.

Besonders heutzutage aber wird

man vielfach mit dem Wahrheitsre

lativismus konfrontiert. Der Ausdruck

„alternative Fakten“ ist von dieser

Haltung durchdrungen. Fakten, das

heißt Tatsachen, die Träger eines

Wahrheitswerts sind, werden darin

wie irrelevante Dinge gehandelt, die

beliebig ausgetauscht werden dürfen.

Auch wenn sich die Menschheit bis

lang noch nicht auf einen festen Wahr

heitsbegriff hat einigen können, ist

Wahrheit deswegen noch lange nich

etwas Irrelevantes und Beziehungslo

ses. Im Gegenteil. Ebenso wie Moral,

Menschenwürde oder Verantwor

tung stellt auch Wahrheit einen Inhalt

dar, auf den das gesunde menschliche

Bewusstsein nicht verzichten kann.

Wer seine Weltsicht einzig auf Dinge

beschränkt, die man sehen, anfas

sen, hören, riechen oder schmecken

kann, führt nur ein halbes Leben. Wer

hingegen rein geistigen Bewusstseins

inhalten wie Vernunft, Freundschaft,

Edelmut und Gerechtigkeit besonde

re Bedeutung beimisst, kommt der

Wahrheit schon recht nah. Ebenso

derjenige, der verantwortungsvoll

und in einem umfassenden morali

schen Sinnzusammenhang denkt, in

dem der Andere – Mensch wie Tier

– einen wesentlichen Stellenwert ein

nimmt. Und natürlich gilt es, stets die

Wahrheit zu sagen und sein Leben s

zu führen, dass man erst gar nicht in

die Verlegenheit kommt, eine Lüge zu

äußern.

pw

Wahrheit gesucht, Irrtum gefunden

Die Irrwege der Menschheit auf ihrer Suche nach Wahrheit

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Seh-, Hör- und Tastsinn

sind keineswegs vor

Irrtum gefeit

Wahrheit stellt für

viele nur etwas

Relatives dar

Nur allzu leicht können

sich Denkfehler

einschleichen

Vereidigung eines Zeugen mithilfe einer Bibel. Diesem Wortlaut wird damit ein umfassender Wahrheitsgehalt zugesprochen.

Henri Poincaré (1854 bis 1912). Für ihn beruhen

Wissenschaft und Wahrheit auf Abmachung.

Gemäßigter Wahrheitsrelativist: Marcus Tullius

Cicero (106 bis 43 v. Chr.)