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„Mein Haus! …Mein Auto!

…MeineYacht!“Wer prah-

len wollte, blätterte einst

Fotographien von seinen

Lebensannehmlichkeiten

auf den Tisch. Mittlerwei-

le hat sich das Reisen zum

Statussymbol der Massen

gemausert. Urlaubsblogs

und exotische Stempel

im Reisepass attestieren

einen extravaganten Le-

bensstil und sind zu einem

Protzgegenstand höchsten

Ranges geworden.

Die neuen Kolonialherren

Der seit Goethe und Herder

erhabene Begriff „Bildungs-

reise“ zeigt den ehrenhaften

Zweck des Reisens an, nämlich

den Erkenntnisgewinn und die

Erweiterung des eigenen Ho-

rizonts. So wird auch die Rei-

selust der vor allem jüngeren

Generation zunächst einmal als

etwas durchaus Lobenswertes

angesehen. Als buchstäblich

weltoffene Bürger scheinen sie

nationale und kulturelle Gren-

zen innerlich abgebaut und Be-

rührungsängste und jegliches

Unbehagen vor dem Fremden

überwunden zu haben. Eine

einjährige Auszeit nach dem

Abitur, um sich ausgiebig die

Welt anzuschauen, ist heute für

viele zum Standard geworden.

Sie wird in Lebensläufen plaka-

tiv hervorgehoben und als eine

Art Qualifikation erachtet.

All-inclusive-Urlaube, in denen

man am Swimming Pool fau-

lenzt und vom Hotel-Personal

bedient wird, werden von der

neuen Touristen-Generation

als verächtlich abgetan. Pau-

schal-Urlaube dieser Art gelten

für sie nur noch als spießige

Version wahren Reisedrangs.

Inzwischen jedoch scheint auch

die Allgemeinheit der „Backpa-

cker“, der vornehmlich jungen,

idealistischen

Rucksack-Tou-

risten, den höheren Zweck des

Reisens weit verfehlt zu haben.

„Wir wollen einander über-

trumpfen, indem wir die aller-

coolste Reise an die allerexo-

tischsten Orte unternehmen.

Es liegt wohl in der Natur des

Menschen, sich einander zu

messen“, wird das Reisemotiv

jener „Backpacker“ auf neon.de

auf den Punkt gebracht. Weit

entfernt vom klassischen Bil-

dungs- und Erfahrungstrip han-

delt es sich vielfach nur noch

um einen kleinlichen Wett-

kampf, der von dem oberfläch-

lichen Wunsch getragen wird,

sich später im Freundeskreis

mit spektakulären Reiseberich-

ten hervortun zu kön-

nen.

Auch haben sich im

Zuge dieses von

Konkurrenzgeist und

Gruppenzwang an-

gestachelten Treibens

ethisch höchst frag-

würdige

Abgründe

aufgetan. Für viele

Backpacker stellt nicht

mehr das fremde Land

an sich das Abenteu-

erliche dar, sondern

vielmehr der „Preis-

kampf “. In diesem gilt

es, an der Hotelre-

zeption, bei der Fähr-

preisverhandlungoder

im Souvenirladen das

beste Schnäppchen

zu machen. „Oft sehe

ich, wie junge Leute

mit schweren Ruck-

säcken die Straße

hoch- und runterlau-

fen. Von einem Hotel

zum nächsten, nur

um irgendwo noch

ein paar Cents we-

niger zu zahlen“, teilt

ein seit langem in Süd-

ostasien lebender Australier auf

Zeit.online mit. Auch andere

berichten dort von Touristen,

die im Armenmilieu ungeniert

ihren Geiz wie eine Sportdis-

ziplin ausleben und im Grunde

nichts anderes als Ausbeutung

betreiben.

Ökologische Schattenseite

Die Fernreisebranche hat ei-

nen entscheidenden Anteil am

globalen Ausstoß von Treib-

hausgasen. Ende 2016 wurde

von einem Forscherteam der

Universität von Sydney ermit-

telt, dass die im Zuge des welt-

weiten Tourismus verursachte

Kohlendioxid-Emission vier Mal

so hoch ausfällt, als bis dahin

angenommen. Nach neuesten

Angaben ist etwa ein Zehntel

des weltweiten Gesamtaus-

stoßes auf das Reise-Business

zurückzuführen. Zudem wird

mit einer fortlaufenden Steige-

rung gerechnet.

Das von den Wissenschaftlern

aus Sydney erstellte Profil um-

reißt dabei nicht nur den Treib-

hausgas-Ausstoß durch den

Luft-, Schienen- und Straßen-

reiseverkehr. Auch die durch

Hotels, Restaurants und durch

die Produktion und Vertrieb von

S o u v e n i r -

Artikeln und

Nahrung s -

mitteln für

die Touristen

verur sach-

te Emissi-

on wurde

mit einbe-

rechnet, wie auf der Plattform

trends der zukunft zu lesen ist.

Der Flugverkehr ist einer der

Hauptverursacher der CO

2

-

Verschleuderung. Laut Angabe

des Umweltbundesamts sind

75 Prozent aller touristischen

Treibhausgas-Emissionen dem

Verkehr geschuldet. Über die

Hälfte davon ergibt sich durch

den An- und Abreiseverkehr

über den Luftweg.

Nach den Vereinigten Staaten

und China nimmt Deutschland

den dritten Platz auf der Ran-

king-Liste der reisefreudigsten

Nationen ein. Rund 70 Millio-

nen ausgedehnte Reisen unter-

nehmen die Bundesbürger je-

des Jahr. Hinzu kommen noch

einmal so viele Kurztrips und

Tagesausflüge.

Um eine annähernde Vorstel-

lung von der allein durch deut-

sche Reisende verursachten

Auswirkung auf die Umwelt zu

liefern: Bei einer Flugreise von

Berlin nach Gran Canaria und

zurück werden nach Angaben

des Umweltbundesamts etwa

1,5 Tonnen Kohlendioxid pro

Fluggast ausgestoßen. Mit ei-

ner einzigen Flugreise kann pro

Urlaub somit eine Summe von

zwei bis sechs Tonnen Treib-

hausgas in den Äther geblasen

werden.

Mit nur drei Prozent haben

die weltweit mehr als 90 000

Kreuzfahrtschiffe einen ver-

gleichsweise geringen Anteil

am Treibhausgas-Ausstoß. In

der Tourismuswerbung wird

die Kreuzfahrt von daher oft

als die saubere Art des Luxus-

Reisens propagiert. Doch auch

hier gibt es allerhand zu bemän-

geln. Während im Straßenver-

kehr seit 2008 in der EU, in Ja-

pan und in den USA nur noch

schwefelfreier Treibstoff an den

Tankstellen gezapft werden

kann, stoßen Hochseekreuzer

nach wie vor Schwefeloxid aus.

Dieser extrem umweltschäd-

liche Stoff wurde in den Acht-

zigerjahren im Zusammenhang

und richtete kapitale Waldschä

den an.

Die allermeisten Seeschiffe

werden mit Schweröl betrie

ben. Bei diesem Treibstoff han

delt es sich um ein Abfallpro

dukt, das als Bodensatz in de

Ölraffinerien zurückbleibt. Laut

internationaler Konvention darf

Schweröl einen Schwefelan

teil bis 3,5 Prozent innehaben.

Damit wird der in Benzin oder

in

Diesel

zugelassene

Höch s t ge

halt um die

3500-fache

Menge über

s c h r i t t e n .

Doch auc

S t i c kox i d

und Feinstaub werden über die

Schiffschlote in die Luft gebla

sen. Der Ausstoß, der an Bord

und am Hafen geschieht, liegt

weit über dem für den Straßen

verkehr tolerierten Grenzwert.

Kritiker beanstanden, dass

– während auf den Straßen

strenge Auspuffgasvorschriften

gelten – es auf dem Meer weit

gehend an Regeln fehle. „Dass

sich die Schifffahrt so lange ge

gen Umweltauflagen wehre

konnte, liegt vor allem an ihrer

Internationalität. Grenzwert

können nur global durchgesetzt

werden, und das ist besonders

schwierig“, heißt es auf Zeit.

online.

Hafenstadtbewohner, Crew

mitglieder und Schiffsreisende

ziehen sich gesundheitliche

Schädigungen durch den Ab

gasausstoß der Kreuzfahrtschiffe

zu. Rußpartikel, die tief eingeat

met werden, können unter an

derem Krebserkrankungen und

Herzinfarkte auslösen. 201

war in der Zeitung Die Welt

von 60 000 vorzeitigen Todes

fällen durch Schiffsemissionen

die Rede.

Gegen das Reisen an sich in

einem vernünftigen Ausmaß ist

eigentlich nichts einzuwenden

Schattenseiten gibt es immer

Doch wie in allen anderen Le

bensbereichen, gilt es auch hier,

das eigene Maß und das Woh

des Anderen im Sinn zu behal

ten. Auch darf die Natur am

Urlaubsort und der restlichen

Welt nicht unter dem Touris

musbetrieb zerbrechen.

Über Umweltzertifikate und La

bel können Reiseanbieter aus

findig gemacht werden, die sich

den Nachhaltigkeitsgedanken

zum Programm gemacht ha

ben. Der Internet-Dienst Label

Online liefert einen Überblick

über solche Zertifikate und La

bels. Verantwortungsbewusste

Reiseanbieter können zudem

in jedem seriösen Reisebüro

erfragt werden.

pw

S. 2

20. September 2018 -

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Die Reiselust der Massen

Mit Schweröl betriebene Ozeankreuzer übersteigen den Schadstoff-Ausstoß von PKWs zum Teil

um ein Mehrtausendfaches

Der Flugverkehr ist einer der

Hauptverursacher von Treib-

hausgasen

Die Tourismus-

Maschinerie und ihre

Auswirkungen auf

Mensch und Umwelt