406_28_06_18 - page 9

NEWS
wirtschaft
28. Juni 2018 -
S. 9
B
ad
Aibling/Llug-Podoje-
vo – Sami Bulliqi lebt seit
27 Jahren in Bad Aibling,
ist Geschäftsführer des Mang-
fall Sozial- und Pflegedienstes
und wollte in seiner einstigen
Heimat Kosovo eigentlich et-
was Gutes tun. Wie er dort in
die Korruptions-Falle getappt
ist, hat die
pressewoche
bereits
berichtet. Doch der Fall ist für
den Geschäftsmann noch nicht
abgeschlossen.
Herr Bulliqi, Sie wollten im Kosovo ein
Einkaufs- und Gesundheitszentrum
bauen. Wie kam es zu der Idee?
Ich habe im Kosovo, im Ort Llug-Po-
dojevo, von meinen Großeltern ein
Grundstück geerbt. Dort wollte ich
mit dem Bau eines Einkaufs- und Ge-
sundheitszentrums dauerhaft 30 bis
40 Arbeitsplätze schaffen.
Sie sind im Kosovo aufgewachsen und
verfolgen die Situation des Landes
– beschreiben Sie bitte die aktuelle
politische und humanitäre Lage dort!
Nach der Kriegszeit bis jetzt haben
wir verschiedene Regierungen im Ko-
sovo erlebt. Sie kommen und gehen,
übernehmen aber keinerlei Verant-
wortung für die Bürger. Im Kosovo
leben die Menschen ohne Kranken-,
Pflege- und Sozialversicherung, es
gibt keine Arbeitslosenunterstützung
und kein Kindergeld – selbst nicht für
Leute, die ganz normal arbeiten. Die
Selbstmordrate bei Jugendlichen zwi-
schen 18 und 25 Jahren ist stark ge-
stiegen, weil die jungen Leute einfach
keine Zukunftsperspektive haben.
Selbst minimale Grundstandards wie
zum Beispiel die Strom- und Trink-
wasserversorgung funktionieren nicht
verlässlich. Im Kosovo gibt es tau-
sende Menschen, die hungern, arm
sind und keine Arbeit haben. Das ist
verwunderlich, weil nach dem Krieg
in den 90er Jahren Geldbeträge in
Millionenhöhe für den Wiederaufbau
in das Land flossen.
Was genau ist Ihrer Meinung nach der
Grund für die Lage?
Ich bin überzeugt, dass korrupte Poli-
tiker und organisierte Familienbanden
das Geld unterschlagen haben. Die
Bevölkerung ging leer aus. Im Zusam-
menhang mit der Visafreiheit der Ko-
sovaren und einem EU-Beitritt wurde
vor Kriminalität und Korruption von
der Europäischen Union mehrfach
gemahnt. Ich befürchte, das Land
steht vor einem politischen Kollaps
sowie dem wirtschaftlichen Bankrott
wie Griechenland.
Ihr geplantes Projekt konnte nicht rea-
lisiert werden. Was genau ist passiert?
Zunächst hatte ich eine Baugenehmi-
gung beantragt. Als ich einen Monat
später wieder im Kosovo war, stellte
ich fest, dass das Projekt nicht umge-
setzt wurde. Der „Architekt“ hatte gar
keine Zulassung als Hochbauarchitekt.
Der Direktor des Bauamtes, Durim
Salihu, der auch engster Vertrauter
des Bürgermeisters Agim Veliu, Vor-
sitzender der Bundespartei LDK, ist,
hatte seine Position missbraucht und
mir diesen Architekten zugeteilt. Eine
neuer Architekt und ein Gutachter
fanden heraus, dass man das Vorha-
ben mit diesem Bauplan nicht realisie-
ren kann. Auch die Gemeinde-Abge-
ordneten, deren Zustimmung nötig
gewesen wären, waren nicht infor-
miert worden.
Wie gehen Sie nun weiter vor?
Ich fordere die Staatsanwaltschaft
der Republik Kosovo auf, meinen Fall
weiter zu vertiefen und ernst zu neh-
men sowie Klage gegen weitere fünf
Personen zu erheben. Es wäre aber
auch zu begrüßen, wenn die Staats-
anwaltschaft weitere Untersuchungen
direkt in der Polizeidienststelle Podo-
jevo sowie in der Zweigstelle für die
Bekämpfung der organisierten Krimi-
nalität in Pristhina aufnimmt. Damit
würde man die Aufmerksamkeit der
Bevölkerung und anderer europä-
ischer Investoren erlangen.
Wie haben die Behörden reagiert?
Ich ging mit den Unterlagen zur Poli-
zei im Kosovo und bestand auf einer
Anzeige wegen Betrugs. Die Beam-
ten weigerten sich aber und befassten
sich erst mit dem Fall, als ich nicht
nachgab, weitere Beweise lieferte
und die Medien – der Fernsehsender
KTV – über den Korruptionsskandal
berichteten. Der Beamte bedrohte
daraufhin meine Familie. Er forderte
mich auf, die Anzeige zurückzuneh-
men, sonst werde „etwas“ passieren,
sagte er.
Das alles ist nun etwa ein Jahr her -
gibt es neue Ergebnisse?
Ich bin überzeugt, dass Agim Veliu
versucht hat, die Polizei Podojevo
zu beeinflussen. Sie sollte meinen
Fall stornieren und unter den Tisch
kehren und hat die Ermittlungen zu-
mindest nicht weiter verfolgt. Un-
ter dem Druck der Medien hat die
Polizei plötzlich nach drei Monaten
den Fall nach Pristhina weitergeleitet.
Dort befindet sich die Dienststelle für
schwere Kriminalität und organisierte
Kriminalität. Nach unseren Recher-
chen hat der zuständige Polizeibeam-
te Isa Kamberi sowie sein Vorgesetzer
Subventionen direkt von Agim Veliu
bekommen. Dieser hat der Schwie-
gertochter des Vorgesetzen zudem
eine Stelle beschafft. Außerdem hat
Agim Veliu den damaligen Direktor
der Infrastruktur – der unter Korrup-
tionsverdacht stand – befördert. Er ist
nun der Direktor im Bau-Inspektorat.
Das zeigt mir, dass alle staatlichen In-
stitutionen, sogar Justiz und Polizei,
durch die Politiker infiziert, beeinflußt
und gesteuert werden. Die Infizierung
der Politiker hat mittlerweile sogar das
Bildungssystem erreicht. Das bedeu
tet, selbst ein Schuldirektor kann nich
über neue Anstellungen entscheiden,
sondern bekommt sie von der Politik
vorgegeben. Insgesamt bewerte ich
das als organisierte Kriminalität und
Korruption im Amt.
Was erhoffen Sie sich für die Zukunft
Ich wünsche mir für den Kosovo ei
nen politischen Generationswechsel.
Ich wünsche mir, dass man zukunfts
orientiert Positionen bezieht, die sich
nach Europa orientieren. Außerdem
hoffe ich, dass eine soziale und huma
ne Politik eingeführt und Demokratie
neu definiert wird. Unser ehemaliger
Bundesfinanzminister Schäuble hat die
„heilige schwarze Null“ eingeführt. Ic
wünsche mir, dass diese im Kosovo
für alle politischen Parteien gilt: Null
Toleranz für Korruption, Kriminalität
oder organisierte Kriminalität. Nur
wenn man es schafft, diese Null-Tole
ranz-Grenze im Kosovo umzusetzen,
kann man die Bürger schützen und
ihre Grundrechte garantieren.
red
Der Kampf gegen die Korruption geht weiter
Ein Bad Aiblinger wehrt sich gegen die organisierte Kriminalität im Kosovo
Sami Bulliqi, Geschäftsführer des Mangfall Sozial- und Pflege-
dienstes in Bad Aibling.
Agin Veliu (links), Erster stellvertretender Vorsitzender der Partei LDK Kosovo und Landrat von Podojevo, mit Durim Salihu (rechts),
Direktor in der Gemeinde Podojevo für Bauamt und Infrastruktur. Gegen ihn erhebt Sami Bulliqi schwere Vorwürfe wegen Korruption.
Korrupte Politiker und organisierte Familienbanden unterschlagen Geld im Kosovo – diesen Vorwurf erhebt Sami Bulliqi, der in seinem ehemaligen Heimatland investieren wollte.
Foto: fotolia
Anzeige
1,2,3,4,5,6,7,8 10,11,12,13,14,15,16
Powered by FlippingBook