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28. Juni 2018 -
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Die postitve Nachricht zu Beginn:
Nach einer jüngst erteilten be-
hördlichen Genehmigung dürfen
iranische Frauen seit 1979 zum
ersten Mal wieder das Asadi-Fuß-
ballstadion in Teheran betreten,
das zuvor reine Männerdomäne
war. Nachrichten wie diese be-
stärken viele in der Zuversicht,
dass der im Orient gefochtene
Gleichberechtigungskampf der
Geschlechter eine unaufhaltsame
und dynamische Vorwärtsent-
wicklung zeitigt.
Geschichtlich gesehen aber steckt auch
der abendländische Gleichberechti-
gungskampf noch in den Kinderschu-
hen. Viele Aspekte und Elemente aus
den Zeiten reiner Männerherrschaft
sind auch heute und hierzulande noch
deutlich vorhanden und sorgen für
Ärgernis und Unverständnis. Manche
Überbleibsel aber schwingen – kaum
wahrzunehmen – im Verborgenen mit,
wobei ihre Wirksamkeit nicht unter-
schätzt werden darf.
In seinem 1992 erschienenem Buch
„Hirten, Kämpfer, Stammeshelden“ be-
schreibt der österreichische Historiker
Karl Kaser all die wesentlichen Elemen-
te, die eine ausschließlich männerrecht-
lich organisierte Lebenswelt kennzeich-
nen. Die Grundlage seiner Arbeit bilden
ethnologische Beobachtungen und Be-
schreibungen von Hirtenvölkern in ab-
gelegenen Höhenregionen des Balkans,
insbesondere in Nordmontenegro, im
Kosovo und in Westmakedonien. Wie
Kaser mehrmals betont, handelt es sich
bei dem Patriarchat dieser Regionen um
eine uralte, über Jahrtausende erhalte-
ne Gesellschaftsform.
In ihrer extrem abgesonderten und
schier unzugänglichen Lebenssphäre
ist es diesen Hirtenvölkern, auch Pa-
storalkulturen genannt, gelungen, sich
der Prägung des rö-
mischen Imperiums,
der Christianisierung
und der osmanischen
Besetzung der Balk-
anregion fast gänzlich
zu entziehen. So hat
sich bis ins zwanzig-
ste Jahrhundert hinein
ein unverfälschtes lebendes Kulturfossil
erhalten, das aufzeigt, wie alle anderen
Völker früher einmal organisiert waren.
Von daher auch kein Wunder, dass mit
der immer schon eigenen Traditions-
liebe des Menschen auch hierzulande
viele Überbleibsel, Bruchstücke und
Kulturmuster aus rein männerrechtlich
organisierten Epochen bis in unsere Zeit
erhalten und wirksam geblieben sind.
Als herausstechendes institutionelles
Merkmal einer patriarchalen Kultur stellt
Kaser die Großfamilie heraus. Diese
umfasste oft weit mehr als hundert Per-
sonen. Anders als in unserem heutigen
Familienverständnis galten dabei nur die
männlichen Personen als Familienmit-
glieder. Die Frau hatte lediglich den Sta-
tus eines austauschbaren Arbeits- und
Geburtsorgans und wurde nicht zur
Verwandtschaft gezählt. Damit die Patri-
linie, also der rein männliche, mehrere
Generationen umfassende Familienan-
teil, erhalten bleiben konnte, zeigte sich
der Wert einer Frau darin, männliche
Nachkommen zu gebären. Erst wenn
es einer Frau gelang,
einen Sohn auf die
Welt zu bringen,
wurde sie zur Ehefrau
des Erzeugers, wobei
sie aber nach wie vor
nicht zur Familie ge-
hörte. Ihr Eigenname,
mit dem sie bis dahin
genannt wurde, erlosch daraufhin und
wurde durch eine Genitivform des Na-
mens ihres Mannes ersetzt. Aus Rose-
marie, wie die Gattin des Autors dieses
Textbeitrags heißt, wäre in solch einem
Fall „die vom Peter“ geworden.
Restbestände dieser männerrechtlichen
Sitte haben sich bis in die heutige Zeit
erhalten. So ist es immer noch üblich,
dass eine Braut, wenn sie zuvor keine
anderweitigen Wünsche angebracht
hat, bei der Heirat automatisch den
Nachnamen des Bräutigams erhält.
Noch im Jahr 1886, schreibt die faz,
hatte die Frau bei Eheschließung laut
dem Bürgerlichen Gesetzbuch den
Nachnamen des Ehemanns zu tragen.
1957 wurde ihr das Recht auf den eige-
nen Nachnamen zugesprochen, aber
nur an zweiter Stelle im Doppelnamen.
Erst 1987 wurde durch eine Gesetzes-
änderung bewirkt, dass ihr Nachname
auch an erster Stelle des Doppelna-
mens stehen kann.
In vielen Ländern geht weiblicher Nach-
wuchs noch mit gravierenden Nachtei-
len einher. Um die heiratsfähige Tochter
an den Mann zu bringen, muss eine
Mitgift gezahlt werden. In manchen Kul-
turkreisen, zum Beispiel in Indien, ist es
aber nicht mit nur einer Zahlung getan.
Diese muss in Abständen immer wie-
der geleistet werden. Ein Nachwuchs,
der sich rein aus Töchtern zusammen-
setzt, bedeutet für eine Familie oft den
sicheren wirtschaftlichen Ruin.
In den alten patriarchalen Kulturen wur-
den Männer, die nur Mädchen, aber
keinen Sohn zeugen konnten, einer Art
gesellschaftlicher Impotenz bezichtigt
und mit Spott überhäuft. Heutige Bräu-
che wie die „Bix´nmacherei“ stellen im
Prinzip nichts anderes als Restbestände
solch uralter männerrechtlicher Verun-
glimpfungspraktiken dar.
Kaser erwähnt in seinem Buch auch die
mitunter grausamen Unterwerfungsri-
ten, mit denen Frauen stets daran er-
innert wurden, dass sie als Menschen
zweiter Klasse galten. So musste eine
Frau in der Öffentlichkeit immer in
gebührendem Abstand hinter ihrem
Gatten gehen und die
eingekauften
Waren
schleppen. Szenen wie
diese spielen sich heu-
te noch in mehr mor-
genländisch geprägten
Lebenswelten ab. Aber
auch hierzulande findet
sich in einem beliebten bäuerlichen
Lüftelmalerei-Motiv ein noch in ganz
dezenter Form angedeuteter Rest solch
eines patriarchalischen Unterwerfungs-
ritus. Darin (siehe Abbildung) befindet
sich der Bauer stets im Vordergrund. In
den Hintergrund gerückt, und deswe-
gen etwas kleiner, steht die werktätige
Bäuerin, nicht selten in der Nähe des
Viehs.
Auch in der Sprache schwingen Relikte
aus Zeiten reiner Männerherrschaft mit.
Dem lateinischenWort „virtus“, welches
Tugend oder Tüchtigkeit bedeutet, liegt
das Wort „vir“, also „Mann“, zugrunde.
Tugend, die im Lateinischen „Manne
stum“ bedeutet, stellt dem altrömischen
Verständnis nach etwas dar, zu dem nur
Männer in der Lage sind. Doch auch in
unserem modernen Sprachgebrauc
ist noch ein Rest dieser alten Wortbe
deutung vorhanden, wie zum Beispiel
in dem Wort „Virtuose“. Die weibliche
Form „Virtuosin“ bedeutet dem tiefe
ren Wortsinn nach nichts anderes al
„tüchtige Mann-Frau“. Bei dem Begriff
„Virtuosität“ handelt es sich im Prinzip
um ein Unwort, das vor männerrechtli
chem Gehalt förmlich trieft.
Gesetzliche und gesellschaftliche Errun
genschaften wie das Frauenwahlrecht
(seit 1919) oder das Arbeitsrecht eine
Frau ohne Einwilligung ihres Mannes
(seit 1977) sind geschichtlich noch seh
jung. Der Gleichberechtigungskampf
der Geschlechter befindet sich erst in
der Anfangsphase. Wie
die forcierte #MeToo-
Debatte und die derzeit
in Saudi-Arabien durch
geführten Reformen
zugunsten des Frauen
rechts zeigen, ist der
Gleichberechtigungs
kampf der Geschlechter keineswegs ein
vergeblichesUnternehmen.Wenn auch
konkrete gesellschaftliche Gegeben
heiten und bestimmte unterschwellige
Gehalte in Sitte, Sprache und Brauch
tum Hemmschuhe dieser Entwicklung
sind, kann noch einiges erreicht wer
den, wenn erlittene sexistische Gewalt
weiterhin zur Anzeige gebracht und das
Gleichberechtigungsansinnen auf dem
Weg über den vernünftigen Diskurs
weiterverfolgt wird.
pw
Der Hinweis zur „Bix´nmacherei“ ist Überbleibsel eines uralten Verunglimpfungsrituals.
Fotos: pw
Der Mann im Vordergrund, die Frau dahinter – ein häufiges Motiv der bäuerlichen Fassadenmalerei mit frauen-
feindlichem Restgehalt.
Fotos: pw
Die ungebrochene
Vorherrschaft der Männer
In vielen bayerischen Traditionen sind noch Reste aus patriarchalen
Zeiten vorhanden. Dabei ist die Gleichberechtigung zwischen Mann
und Frau auf dem Vormarsch. Wohin führt der Weg? Behindern
Traditionen die Gleichberechtigung der Geschlechter?
In patriarchalen Sippen
gehörten nur die
Männer zur Familie.
Viele Wörter und
Begriffe enthalten
Reste aus frühen
Macho-Kulturen.
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