402_03_05_18 - page 10

NEWS
wirtschaft
S. 10
3. Mai 2018 -
Deutsche zahlen immer noch am liebsten in bar
Girocard immer beliebter
Köln – Die deutschen Verbrau-
cher bezahlen ihre Einkäufe
noch immer am liebsten in bar
– zumindest, wenn es um klei-
nere Beträge geht. Das ist das
Ergebnis einer vom Kölner Han-
delsforschungsinstitut EHI ver-
öffentlichten Studie.
Danach sind Scheine und Mün-
zen nach wie vor das „belieb-
teste Zahlungsmittel deutscher
Kunden“. Mehr als drei Viertel
aller Einkäufe wurden 2017 da-
mit bezahlt.
Doch sind es inzwischen vor al-
lem kleine Besorgungen, bei de-
nen noch Münzen und Scheine
zum Einsatz kommen. Bei hö-
heren Beträgen nutzen auch die
deutschen Verbraucher inzwi-
schen immer öfter die Möglich-
keiten, bargeldlos zu bezahlen.
Betrachtet man nicht die Menge der
Bezahlvorgänge, sondern die Umsät-
ze, so schrumpft die Bedeutung des
Bargelds deutlich: „Mit Bargeld wird
aktuell nur noch jeder zweite Euro im
deutschen Einzelhandel umgesetzt“
– mit sinkender Tendenz, betonen die
Handelsexperten.
Während Bargeld tendenziell an Be-
deutung verliert, wird das Bezahlen
mit der Girocard immer beliebter.
Fast 3,2 Milliarden Mal zückten Verbrau-
cher 2017 die Girocard – eine Steige-
rung vom 8,7 Prozent gegenüber dem
Vorjahr.
Auf die Girocard entfiel 2017 damit
laut EHI bereits mehr als ein Viertel der
Umsätze im Einzelhandel. Die Kredit-
kartensysteme wie Mastercard und Visa
legten ebenfalls zu und erreichten einen
Umsatzanteil von 6,5 Prozent. Leicht
rückläufig waren dagegen Zahlungen
mit dem unterschriftbasierten Sepa-
Lastschriftverfahren.
In ihrer Treue zum Bargeld lassen sich
die Bundesbürger nach einer Studie
der Boston Consulting Group aus dem
vergangenen Jahr von kaum jemanden
übertreffen. Die Deutschen gehören
demnach im internationalen Vergleich
zu den „Cash-Loyalisten“, bei denen die
Zahl der bargeldlosen Zahlungen pro
Kopf besonders langsam steigt.
„Restaurantbesuche und Lebensmittel
werden inDeutschlandmehr alsdoppelt
so oft bar bezahlt wie im europäischen
Durchschnitt“, sagt BCG-Experte Hol-
ger Sachse dem „Handelsblatt“. Zudem
hätten viele Verbraucher Bedenken bei
neuen Verfahren. „Nur ein Viertel der
Verbraucher glaubt, dass bargeldlose
Zahlungen sicher sind“, erklärte er.
Bargeld werde deshalb in Deutschland
auch in den kommenden fünf Jahren
bei Beträgen unter 30 Euro die domi
nierende Zahlungsart bleiben, erwarten
die vom EHI befragten Händler. Bei
höheren Beträgen werde es allerdings
keine größere Rolle mehr spielen.
In den USA, Großbritannien und Skan
dinavien sind Kreditkarten dagegen
inzwischen selbst für kleine Beträge
üblich. Das hat Folgen. In Schwede
etwa, das nach Angaben der dortige
Reichsbank inzwischen zu den Ländern
mit dem geringsten Bargeldgebrauch
und der höchsten Anzahl an Kartenzah
lungen pro Person und Jahr gehört, is
seit 2013 der Wert der in Umlauf be
findlichen Banknoten und Münzen um
fast ein Drittel auf 58 Milliarden Schwe
dische Kronen (5,6 Milliarden Euro)
gesunken.
InDeutschlandistdagegennachEinschät
zung der Bundesbank „noch lange nicht
abzusehen, dass das Bargeld vollständig
von bargeldlosen Zahlungsmitteln ab
gelöst wird“. Bei einer repräsentativen
Umfrage im Auftrag des Geldinstituts
legten im vergangenen Jahr 88 Pro
zent der Befragten Wert darauf, auch
in Zukunft mit Bargeld zahlen zu kön
nen.
dpa
Fast 3,2 Milliarden Mal
zückten Verbraucher
2017 die Girocard
In Deutschland ist nach
Einschätzung der bu-
desbank „noch lange
nicht abzusehen, dass
das Bargeld vollstän-
dig von bargeldlosen
Zahlungsmitteln abge-
löst wird“
Dass mit Bargeld gezahlt wird, kommt in Deutschland immer seltener vor.
Foto: Christoph Schmidt
EU-Staaten verbieten drei Insektengifte
Naturschutzverbände jubeln – der Pharmariese Bayer warnt
Brüssel – Die EU-Staaten ha-
ben an diesem Freitag einem
Freilandverbot für drei bienen-
schädliche Insektengifte zuge-
stimmt.
In dem zuständigen EU-Aus-
schussinBrüsselsprachsicheine
qualifizierte Mehrheit für den
Vorschlag der Kommission aus,
den Einsatz von sogenannten
Neonikotinoiden auf Äckern
zu verbieten und auf Gewächs-
häuser zu beschränken. Das
teilte die EU-Kommission mit.
„Die Gesundheit der Bienen
bleibt für mich von größter
Bedeutung, weil sie Artenviel-
falt, Lebensmittelproduktion
und Umwelt betrifft“, sagte
EU-Gesundheitskommissar
Vytenis Andriukaitis laut Mit-
teilung.
Bundesagrarministerin Julia Klöckner
(CDU) begrüßte das Freilandverbot
für die Stoffe Clothianidin, Thiame-
thoxam und Imidacloprid. „Heute
ist ein guter Tag für den Schutz der
Bienen in Deutschland und in Euro-
pa“. Bereits vor dem Votum hatte sie
gesagt, was der Biene schade, müs-
se weg vom Markt. Neonikotinoide
sind für Insekten deutlich giftiger als
für Säugetiere oder Vögel. Sie grei-
fen das Nervensystem an, können
lähmen oder zum Tode führen.
Die Grünen und Umweltorgani-
sationen werten die Entscheidung
zwar als Erfolg, weisen aber auf die
Gefahren zukünftiger Alternativen
hin: „Lediglich alte Gifte durch ganz
ähnliche neue, genauso gefährliche
Stoffe zu ersetzten, wäre Etiketten-
schwindel“, warnte der Bundestags-
abgeordnete Harald Ebner von den
Grünen. Greenpeace-Agrarexperte
Martin Hofstetter ergänzte: „Um
Bienen und andere wertvolle Insek-
ten dauerhaft zu schützen, müssen
wir den Einsatz giftiger Pflanzen- und
Insektengifte schnell und drastisch
senken.“
Kritik kam vom Pharmariesen Bayer,
der auch Neonikotinoide herstellt.
„Die Entscheidung wird die Mög
lichkeiten europäischer Landwirte,
gegen verheerende Schädlinge vor
zugehen, weiter einschränken“, teilte
das Unternehmen mit. Die EU-Ent
scheidung sei „ein schlechter Dea
für die europäische Landwirtschaft“.
Der Deutsche Bauernverband
(DBV) nannte es eine „echte Her
ausforderung“, Alternativen zu ent
wickeln. „Um Qualität und Erträge
abzusichern brauchen wir Pflanzen
schutzmittel“, sagte DBV-Präsident,
Joachim Rukwied.
Die Europäische Behörde für Le
bensmittelsicherheit (Efsa) hatte die
drei Neonikotinoide mehrfach in
den Fokus genommen. Anfang April
bestätigte sie in einem neuen Bericht
die von ihnen ausgehenden Gefah
ren für Bienen und Hummeln: „Die
Mehrzahl der Anwendungen vo
Neonikotinoidhaltigen
Pestiziden
stellt ein Risiko für Wild- und Ho
nigbienen dar.“ Das ursprüngliche
Votum war für Ende 2017 angesetzt,
die Mitgliedsstaaten wollten aber
noch auf das neue Urteil der Efsa
warten. Die aktuelle Entscheidung
soll bis Ende des Jahres in Kraft tre
ten.
dpa
Freilandverbot für bienenschädliche Insektizide? In Brüssel wurde abgestimmt.
Foto: Jens Kalaene
Alte Gifte durch ganz
neue, ähnliche ge-
fährliche Stoffe zu
ersetzten, wäre
Etikettenschwindel
Kritik kam vom Phar-
mariesen Bayer, der
auch Neonikotinoide
herstellt
1,2,3,4,5,6,7,8,9 11,12,13,14,15,16
Powered by FlippingBook