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Hoch hinaus trotz Handicap
Chiemgauer Verein unterstützt bayerische Dressurreiter mit Behinderung
Ludwig Baumann, Opernsänger, Initiator des
Opernfestivals Gut Immling und Vorstand
des Fördervereins:
„Hoch zu Ross“: Für die Para-Reiterin Julia Porzelt (22) liegt das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde – ganz besonders auf dem ihres Ponys
„LETTENHOFS LOVELY DAINTINESS (Lettenhofs liebliche Zierlichkeit)“ – kurz: Dainty.
Halfing – Dressurreiten ist ge-
rade für junge Mädchen ein
Traum. Menschen mit körperli-
chen Einschränkungen können
sich allerdings diesen Traum
selten erfüllen. Der „Verein zur
Förderung für Reiter mit Han-
dicap im Dressur-Turniersport“
will das ändern: Er setzt sich
dafür ein, dass auch Menschen
mit Behinderung diesem Hobby
nachgehen können.
Stolz sitzt Julia Porzelt auf ihrem
Pferd, das den Spitznamen „Dainty“
trägt. Die Lebensfreude und die Be-
geisterung der 22-jährigen Dressur-
reiterin sind kaum zu übersehen.
„Mein Ziel ist es, möglichst viele Mei-
sterschaften zu gewinnen“, erklärt
sie. 2017 sicherte sie sich in Mün-
chen Riem bereits den Bayerischen
Meistertitel in Dressur. „Ein tolles
Erlebnis“, schwärmt Para-Reiterin
Julia, die drei bis viermal die Woche
trainiert.
Wie bei so vielen Mädchen fing die
Leidenschaft früh an, schon mit zehn
Jahren entdeckte Julia den Reitsport
für sich. Und trotzdem unterschei-
det sich Julias Geschichte deutlich
von anderen Mädchengeschichten.
Julia kam mit einem großen Handi-
cap auf die Welt – beide Beine en-
den unter dem Knie, der rechte Ell-
bogen ist steif und der linke ist nur
eingeschränkt beweglich. „Als kleines
Kind habe ich eine Hippo-Therapie
gemacht“, erzählt die Reiterin.
Doch dann entdeckte sie nicht nur
die Möglichkeit, trotz der körper-
lichen Einschränkung das Dressur-
Reiten zu lernen, sondern kam auch
mit dem „Förderverein für Reiter mit
Handicap im Dressur-Turniersport“
in Kontakt.
Verein fördert regionale
Teilnehmer
Der Verein erweiterte das Dressur-
reiten für Menschen mit Behinderung
in eine Richtung, die bis dahin nur
Nichtbehinderten zugänglich war.
Um die Leistungen in den Prüfungen
fair zu beurteilen, gibt es – je nach
Schwere der Behinderung – vier un-
terschiedliche „Grades“. Julia startet
in Grade Eins, zu der die Reiter mit
schwersten Behinderungen gehören.
Oft sind es Rollstuhlfahrer.
Der Verein fokussiert sich darauf, nur
bayerische Reiter zu fördern – 16
Teilnehmer hat er derzeit. Der e.V.
sitzt in Halfing und ist stolz darauf,
nicht nur etliche Bayerische Meister
sondern auch Deutsche und Euro-
päische Meister sowie Teilnehmer
an den Paralympischen Spielen un-
terstützt zu haben. So zum Beispiel
die Reiterin Elke Philipp, die 2016
auf den Paralympics in Rio de Janeiro
eine Silbermedaille gewonnen hat.
Prominente „Eltern“
Mäzen des Vereins ist der Unter-
nehmer Toni Meggle, der selbst ein
leidenschaftlicher Reiter war. Und
auch den Vorstand des Vereins kennt
man in unserer Region bestens:
Opernsänger Ludwig Baumann, der
in Rosenheim geboren ist und 1997
das Opernfestival auf Gut Immling
ins Leben gerufen hat.
Erste Ansprechpartnerin des Ver-
eins ist Uta Härlein, Landestrainerin
für Reiter mit Handicap. Im Tages-
geschäft wird sie von den Ehren-
amtlichen Mitarbeiterinnen Heidi
Schmerreim und Irmgard Zwigl un-
terstützt. „Wir freuen uns sehr über
Sponsoren und auch über weitere
Teilnehmer“, erklärt das Team.
Doch zurück zu Julia und ihrer Lei-
denschaft fürs Pferd, die ihr Leben
so verändert hat. Was sagt sie selbst
über den Verein: „Als Erstes kann
ich nur sagen, dass ich jedem wün-
sche, für sich ein Hobby zu finden,
das ihn so begeistert. Ob Trainings-
oder Turnierkosten – der Verein zur
Förderung für Reiter mit Handicap
im Dressur-Turniersport macht es
mir möglich, an Turnieren teilzu-
nehmen. Das würde für mich sonst
überhaupt nicht gehen“.
cr
Inklusion: Unterstützung gesucht!
Der Verein zur Förderung für Reiter mit Handicap im Dressur-Tur-
niersport fördert gehandicapte Reiter in Bayern, um sie auf den
Dressur-Turniersport vorzubereiten und ihnen die Teilnahme an
Turnieren zu erleichtern. Unterstützen auch Sie das bewunderns-
werte Engagement behinderter Menschen mit Ihrer Mitglied-
schaft für 120 Euro Jahresbeitrag oder einer Spende an:
Raiffeisenbank Griesstätt-Halfing eG
IBAN: DE52 7016 9132 0000 1470 01
Verein zur Förderung für Reiter mit Handicap im
Dressur-Turniersport e.V.
Ludwig Baumann, Gut Immling, 83128 Halfing
Ein stolzer Moment: Vereins-Mäzen Toni Meggle und seine Frau
Marina Meggle gratulieren der Para-Reiterin Heike Philipp, die auf
den Paralympics in Rio Silber gewonnen hat.
Um einen fairen
Wettkampf zu
gewährleisten, gibt es
die Einteilung in vier
Wettkampfklassen
(Grades), die sich nach
der Schwere der
Behinderung richten.
„Bei der Leistungs-
Beurteilung wird viel
Wert auf die Entwick-
lung des Reiters und
die Losgelassenheit
des Pferdes gelegt.“
Toni Meggle,
Vorsitzender des Aufsichtsrats der MEGGLE AG und
Mäzen:
Herr Meggle, warum unter-
stützen Sie den Behinderten-
reitsport?
Ich bewundere den Mut und
die Energie, mit der sich
Behinderte dem Wettkampf
stellen.
Was macht diesen Reitsport so besonders?
Es ist der „Adel“ des Pferdes, dem man besondere Aufmerk-
samkeit schenken sollte. Das Pferd erfüllt seine Aufgabe durch
seine dienende Bereitschaft, auf die beschränkten Möglich-
keiten der Reiter mit Handicap willig und gehorsam einzuge-
hen.
„Dabeisein ist alles“
Was verbindet Sie persönlich mit dem Reitsport?
Pferde haben immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt. Ich
bin geritten und habe auch sehr gerne Kutschfahrten gemacht. Über
10 Jahre hatte ich einen Turnierstall. Das Opernhaus Immling hatte
ich eigentlich als Reithalle bauen lassen.
Warum engagieren Sie sich als Vorstand für den Verein zur Förde-
rung für Reiter mit Handicap im Dressur-Turniersport?
Nach einem sehr schweren Unfall war ich selbst in der Situation,
dass ich mich fragen musste, ob ich jemals wieder reiten kann. Ich
habe sehr großen Respekt vor allen Menschen, die Hürden auf sich
nehmen, um dem Reitsport nachzugehen.
„Was bedeutet es für Sie persönlich, wenn einer Ihrer „Schützlinge“
eine Medaille holt?
Das freut mich natürlich ungemein und ist ein tolles Gefühl für
unsere Leute. Doch im Grunde geht es nicht um den Erfolg, sondern
um den Olympischen Gedanken – Dabeisein ist alles! Wichtig sind
die Freude und der Spaß, den man daran hat. In dieser Hinsicht gibt
es überhaupt keinen Unterschied zwischen Reitern mit oder ohne
Handicap.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Vereins?
Wir wünschen uns natürlich noch viel mehr Mitglieder und auch,
dass das gesellschaftliche Interesse an der Leistung der
Para-Reiter
weiter wächst. Es wäre schön, wenn es mehr Publikum geben würde.
Eigentlich kann jeder nur davon profitieren, es geht so eine immen-
se Kraft und eine so ansteckend positive Lebenseinstellung von den
Reitern aus.
Marina und Toni Meggle
8. März 2018 -
S. 5
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