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27. Juli 2017 -
pRESSE
sPIEGEL
„Nach dem Aus von
‚Trumpcare‘ kommt die
Unsicherheit“:
„Eigentlich
hatten die Republikaner im
amerikanischen Senat die krank-
heitsbedingte Abwesenheit von
Senator John McCain nutzen
wollen, um in den eigenen
Reihen nochmals für ihren um-
strittenen Gesetzentwurf zur
Gesundheitsreform zu werben.
Doch die republikanischen Se-
natoren Mike Lee aus Utah und
Jerry Moran aus Kansas beende-
ten nun dieses verzweifelte Rin-
gen. Am Montag erklärten sie,
nicht für das Gesetz stimmen zu
wollen, mit dem die von der de-
mokratischen Vorgängerregie-
rung eingeführte Gesundheits-
reform ‚Obamacare‘ abgeschafft
und ersetzt werden soll. Damit
fehlen den Republikanern vier
Stimmen im eigenen Lager.“
„Die renitenten Vier“:
„Seit
Monaten versuchen die Re-
publikaner in beiden Häusern
des Kongresses, das wichtigste
Vermächtnis von Obama zu
Fall zu bringen. Dabei werden
sie angetrieben von Präsident
Trump, der auf Twitter immer
wieder vermeldet, dass er eine
Verabschiedung des Gesetzes
bald erwarte. Die Rücknahme
der Gesundheitsreform war
schließlich eines seiner großen
Wahlkampfversprechen.“
„Woran ‚Trumpcare‘ vorerst
gescheitert ist“:
„Dass nun
ausgerechnet Moran und Lee
den Ausschlag geben, ist durchaus
überraschend. Die beiden Politiker
gehören zu denHardlinern, denen
McConnell im aktuellen Entwurf
sogar eine Brücke gebaut hatte.
„Mit Obamacare gibt es ernsthafte
Probleme, und mein Ziel bleibt,
was es für lange Zeit war: es ab-
zuschaffen und zu ersetzen“, ver-
kündete Moran in einer Stellung-
nahme. Sein Kollege Lee teilte mit:
„Zusätzlich dazu, dass der Entwurf
nicht alle Obamacare-Steuern ab-
schafft, geht er nicht weit genug
bei der Senkung der Beiträge für
Mittelschicht-Familien.“
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Minenfeld Schule
Kaum ein Thema polarisiert derzeit so stark wie Schule und Bildung. Gerade im Wahljahr sehen alle Parteien den hohen Stellenwert
und entwerfen glänzende Zukunftsszenarien. Doch in der Realität gibt es seit Jahren viele Baustellen, die übersehen werden. Das is
unverantwortlich. Vor allem für die Kinder und Jugendlichen. Doch wo muss eine Verbesserung ansetzen, damit sie greift?
Von Beatrix Boutonnet
Erinnern Sie sich noch gern an Ihre
Schulzeit? Ich schon – abgesehen vom
Turnen am Stufenbarren. Ich mochte
die meisten meiner Lehrer, habe noch
viele Freunde aus dieser Zeit und eine
schlechte Note war kein Drama. Ich
habe vieles gelernt, das ich heute noch
täglich brauche. Den Dreisatz beispiels-
weise, die Tatsache, dass gesellschaftli-
ches Engagement wichtig ist, Englisch
und Französisch. Den Satz des Pytha-
goras dagegen – den ich noch fehlerfrei
aufsagen kann – brauchte ich dagegen
definitiv noch nie.
Und wie sieht es heute aus?
Häufig desaströs. Keiner scheint mit der
Situation zufrieden zu sein. Eltern fühlen
sich zunehmend unsicher, empfinden
die Lehrer oftmals als ungerecht und zu
fordernd. Lehrer sehen in vielen Eltern
die eigentlichen Erziehungsversager. Be-
triebe klagen über immer weniger und
schwächere Auszubildende, bei denen
sie zunehmend Erziehungsaufgaben
übernehmen müssen. Universitäten
kämpfen mit der Bewerberflut und die
Kinder und Jugendlichen fühlen sich
überfordert, praktizieren Bulimielernen
– schnell rein, schnell wieder vergessen
– und finden Schule blöd.
Geduld ist bei ihnen häufig ein Fremd-
wort und die Frustrationstoleranz ge-
ring. „Einige Kinder merken gar nicht
mehr, wenn sie andere stören, anrem-
peln oder grob unhöflich sind“, erzählt
eine Lehrerin. Und so tobt derzeit ein
Sturm durch die Elternhäuser, Schu-
len und Ausbildungsbetriebe, der vie-
le erschreckt. Vor allem, weil er am
Ende auf dem Rücken der Kinder und
Jugendlichen ausgetragen wird.
Was muss die Schule leisten?
„Die wichtigste Aufgabe der Schule ist
es, unsere Kinder auf ein erfülltes Sozi-
al- und Berufsleben vorzubereiten“, sagt
der Publizist und Philosoph Richard Da-
vid Precht. Die Schüler von heute müs-
sen später in der Welt zurechtkommen,
und sie sollten bis dahin herausgefunden
haben, welche Fähigkeiten und Interes-
sen sie haben. Zwar kann auch die be-
ste Schule nicht verhindern, dass Kinder
später im Leben an Herausforderungen
scheitern werden. Aber sie kann sie
darauf vorbereiten, mit schmerzhaften
Erfahrungen souverän fertigzuwerden.
Sie kann ihnen Kraftreserven und psy-
chische Stabilität mitgeben, von denen
sie auch unter schwierigen Umständen
zehren können.
Kein Problembei Mainstream-Kin-
dern. Doch was macht der Rest?
NicoleD. klingt immer noch ein Satz der
Lehrerin ihrer Tochter in der 4. Klasse in
den Ohren: „Wenn die Spitzenschüler
weg sind, haben wir Zeit, um uns um
Kinder, wie das Ihre zu kümmern.“ Viele
Kinder, die nicht Mainstream sind, fallen
in Deutschland früh durchs Raster. Hier
setzt die Kompetenzförderung, auf die
das bayerische Kultusministerium – in
vielen Bereichen zurecht - stolz ist, nicht
an. Das müsste sie aber schnellstmög-
lich ändern, denn Fakt ist: Die Klassen
werden immer heterogener und bun-
ter mit Inklusionskindern, Kindern mit
Migrationshintergrund, traumatisierten
Flüchtlingskindern, einer zunehmenden
Zahl verhaltensauffälliger Kinder und
Kindern mit Lernschwächen. Die Sche-
re zwischen sehr leistungsstarken und
sehr leistungsschwachen Schülern wird
immer größer.
Chancengleichheit nur auf dem
Papier
Chancengleichheit ist der Grundstein je-
der demokratischen Gesellschaft. Doch
in kaum einem Land sind die Bildungs-,
Arbeits- und Einkommenschancen so
stark von der sozialenHerkunft abhängig
wie in Deutschland. Bayern ist da keine
Ausnahme. Zu undurchlässig, zu weni-
ge Ganztagsschulen, und ein niedriger
Inklusionsanteil bescheinigt kürzlich eine
Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung
dem bayerischen Schulsystem. Kinder
mit Migrationshintergrund und Kinder
aus Arbeiterfamilien haben immer noch
erheblich geringere Bildungschancen als
Akademikerkinder. Vor allem können
Kinder aus „bildungsfernen Elternhäu-
sern“ oft kein Gefühl für den eigenen
Wert entwickeln, wenn sie zuhause kei-
ne Unterstützung erfahren, monieren
viele Lehrer. Die Hoffnung liegt auf der
Ganztagesschule. Sie solle die Nachteile
für die Kinder, die eben keine bildungs-
starken Eltern haben, kompensieren,
erklärt Ulrich Kober von der Bertels-
mann Stiftung. Im Schuljahr 2014/15 lag
der Anteil in Bayern bei 49,2 Prozent,
der Bundesdurchschnitt bei 59,4 Pro-
zent. Doch es gibt einen Schönheits-
fehler: Laut SPD wurden auch Schulen,
die eine Mensa und nur eine Betreu-
ungsgruppe haben, dazugezählt. Nur
ganz wenige öffentliche Grundschulen
verfügten über ein offenes oder gebun-
denes und vor allem kostenfreies Ganz-
tagsschulangebot. Ganz schlecht sähe es
in Gymnasien und an Realschulen aus.
Elternangst: Ohne Abitur keine
Chance
In Bayern beginnt der wirklicheZeugnis-
Terror vor dem Übertritt in die weiter-
führende Schule. Der Druck der Eltern,
ihr Kind wenigstens auf die Realschule
schicken zu können, ist riesig. Seit Jah-
ren fordern daher viele Lehrer, Kinder
auch in der Mittelstufe weiter gemein-
sam lernen zu lassen, wie das in den
meisten Ländern üblich ist. Bisher ohne
Erfolg. Bundesweit machen inzwischen
mehr als 50 Prozent der Schulabgänger
Abitur. Bayern liegt bei der Hochschul-
reife-Quote im Mittelfeld. Doch es gibt
den föderalen Unterschied. „Wenn man
sich die Bundesländer anschaut und
vergleicht, ist der Lift bei einigen auf
der ersten Etage stehen geblieben, und
andere sind bis in den zehnten Stock
gekommen“, sagt Prof. Dr. Wilfried Bos,
Institut für Schulentwicklungsforschung
an der TU Dortmund.
Die Folgen des
Akademisierungswahns
Während Hochschulen überrollt wer-
den, leiden Ausbildungsbetriebe an
massivem Azubi-Mangel. Wirtschafts-
kammern beklagen daher den immer
stärkeren Trend zur Akademisierung.
Wichtig wäre es daher, so Wolfgang C.
Janhsen, Leiter der IHK Rosenheim,
der Vielstufigkeit des Schul- und Ausbil-
dungssystems mehr Bedeutung einzu-
räumen. „Unser Duales System genießt
weltweit hohe Anerkennung. Länder
wie Frankreich und Chile versuchen ge-
rade ähnliche Systeme einzuführen.“ Es
sei eben nicht nur das Abitur, das zu ei-
nem späteren beruflichen Erfolg führe.
Mit einer Ausbildung hätten die Jugend-
lichen außerdem schon sechs bis acht
Jahre Vorsprung, in denen sie bereits
Geld verdienten.
Gute Schulen machen hungrig,
nicht satt!
Babys kommen neugierig und wissens-
durstig auf die Welt. Kinder fragen, pro-
bieren und beobachten alles mit großer
Freude aus – nach ihrem Rhythmus
In der Schule dagegen verlernen viele
Kinder diese Begeisterung, da vor allem
nach ihren Schwächen gesucht wird
„Eltern und Schule sollten das Augen
merk vor allem darauf richten, was ein
Kind wirklich gut kann. Oft werden mit
viel Aufwand und Mühe Dinge geför
dert, die den Kindern und Jugendliche
gar nicht liegen, um dann trotzdem nu
ein mäßiges Ergebnis zu erzielen, statt
das zu fördern, was sie gut können u
dadurch sehr gute Ergebnisse zu be
kommen“, unterstreicht Janhsen. Kin
der und Jugendliche brauchen Erfolgs
erlebnisse und Anerkennung. Angst und
Leistungsdruck ersticken jede Begeiste
rung im Keim. Es ist eine hohe Kunst
motivierend zu loben und aufbauend
und fair Kritik zu üben, vor allem da
Kinder sehr feine Antennen haben, was
ehrlich gemeint ist. Mein Lehrer in der
2a konnte das perfekt. Für ihn haben
wir uns richtig ins Zeug gelegt. Einer sei
ner „Gut“-Zettel fiel mir kürzlich beim
Aufräumen in die Hände – er war fü
Sport.
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Kinder und Jugendliche brauchen Erfolgserlebnisse und Anerkennung. Angst und Leistungsdruck ersticken jede Begeisterung im Keim.
Foto: fotolia
Trend zu Privatschulen
Jedes Jahr melden mehr Eltern
ihre Kinder an Privatschulen an.
Oft ist das aus der Not heraus,
weil die Kinder im staatlichen
Schulsystem untergehen, nicht
aus Ehrgeiz heraus. Die Zahl der
Schulen in freier Trägerschaft und
ihre Schülerzahl ist im vergange-
nen Jahr auf elf Prozent weiter
leicht gestiegen, belegt das Sta-
tistische Bundesamt. Knapp zehn
Prozent aller Schüler besuchten
inzwischen eine Privatschule.
Jedes vierte
Ausbildungsverhältnis
in Deutschland
scheitert
Nicht nur die Leistung
zählt
Wolfgang C. Janhsen.
Bild: fotolia.com / detailblick-foto
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