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thema
24. April 2015 -
Landkreis S. 3
Nach
richten
„280“
Gedanken
schwarz-
weiß
vom nichtakademischen
Dachkammerlschreiber
Da streiten sich heut noch die Leut
herum, in Rosenheim, Wasserburg,
im Inntal.
Aber auch in Kufstein, imChiemgau
oder Mangfalltal. Von Kruchenhau-
sen bis Berlin?
„Sag er seinemHerrn, er solle mich
im (am?) Arsche lecken …“
Dieser Auftrag vom Ritter mit der
eisernen Hand (*1480, +1562)
wird über die Jahrhunderte mehr
oder weniger freundlich zitiert.
Freudig dann, wenn man den al-
ten Schulspezi nach dreißig Jahren
wieder sieht: „Ja leck mich doch am
Arsch … alte Bretterhüttn! Du hast
vielleicht ein Bauereigschwür“!
Es kommt auch vor, dass dieser Aus-
spruch respektvoll daherkommt.
Beispiele aus jüngster Vergangen-
heit gibt es genügend. Einige davon
sind: Benedikts Rücktritt vom Papst-
amt, deren Kanzlerin-Marathon-
sitzungen in Sachen Euro-Rettung.
Das öffentliche Bekenntnis eines
Ex-Bundesliga-Fußballers zu seiner
Homosexualität. Auch die aktuelle
Kurzmeldung über die Kälber-Vier-
lingsgeburt im Lande!
Ärgerlich wird der „Götz“ gemurrt,
wenn Zahlungsbescheide von
Städten und Gemeinden oder gar
Finanzamtspost ins Haus flattern.
Meist inwendig wird er zum Fluch,
wenn die Verwandtschaft, das Auto
oder die Blutfettwerte nerven.
Öffentlich dann, wenn feucht-fröhli-
chen Zeitgenossen beimHeimgang
die Gehwege schmerzhaft ins Ge-
sicht fallen. In Sachen ungewollter
Elternschaft diskret wie schonend
„SEIN“ Fredl-Fesl-Spruch: „… ver-
trau nur da droben auf den Herrn,
der wird’s Kindl dann schon er-
nährn“! Darauf „IHR“ Zitat aus dem
Urfaust minus XXL plus § !
Andere Gebrauchsgründe fallen,
„Gott sei es gedankt“, im Bayern-
land gnädig unter das „Christlich-
Soziale-Urbeichtgeheimnis“. Bei
Verdacht auf Analfixierung greift die
„psychiatrische Schweigepflicht“!
Götz lenkte den Bauernaufstand
A.D. 1525 in geordnete Bahnen.
Sein beschriebener Auftrag unmis-
sverständlich. Die Botschaft, dank
Goethe A.D. 1771, bis heute ein
umgangssprachliches Denkmal.
Im Aussenministerium sollte „der
Faust“ in den Lehrplan für Diplo-
maten-AZUBI aufgenommen wer-
den. Die „urige“ Unterstützung der
in Berlin residierenden Botschaft
des Freistaates Bayern ist ehren-
amtlich zugesichert.
Janus
Tuntenhausen:
Josef Bodmaier bewirtschaftet ge-
meinsam mit seiner Gattin Viktoria
und seinen sechs Kindern selbst einen
vorzeigbaren Bio-Hof. Und das in der
3. Generation im Nordhof. Auf seinen
50 Hektar genießen die 55 Milchkühe
freien Auslauf auf herrlich weiten Grün-
landflächen (Bild Seite 2 oben). Nur ein
Drittel seines Grundes nutzt Bodmaier
zum Anbau von Kleegras und Getrei-
de. Als Vollerwerbs-Landwirt und in
seiner Funktion als Rosenheimer Kreis-
vorsitzender des Bayerischen Bauern-
verbandes kennt er die Sorgen und
Nöte der Landwirte nur zu gut.
Großes Verständnis hat er beim
Thema Flächenfraß für die nötigen
Bauprojekte zugunsten Industrie und
Gewerbe. Doch in diesem Bereich
arbeitet der Landkreis Rosenheim oh-
nehin außerordentlich vorbildlich. Der
Flächenverbrauch dafür ist in dem Bei-
spielzeitraum von 2008 bis 2013 be-
merkenswerterweise leicht rückläufig
gewesen. Dafür wurden Waldgebiete
zur Energiegewinnung ausgeweitet.
Verständnis- und ratlos stehen die
Bauern allerdings den Planungen zum
Hochwasserschutz und Verkehrsaus-
bau gegenüber. Neben den Land-
strichen, die zu versiegeln sind, fallen
nämlich zusätzlich noch Ausgleichsflä-
chen an, die aus naturschutzrechtlichen
Gründen gewährt werden müssen.
Was den Hochwasserschutz betrifft,
so erhitzt beispielsweise das geplan-
te Rückhaltebecken bei Feldolling seit
Jahren die Gemüter. Das Wasserwirt-
schaftsamt sieht auf einer Fläche von
insgesamt rund 130 Hektar Deichneu-
und Deichausbaumaßnahmen vor. Auf
25 Kilometern Länge soll zwischen Ro-
senheim und Feldkirchen-Westerham
ein Gebiet zur gezielten Überstauung
im Fall eines Jahrhunderthochwassers
angelegt werden. Sollte diese Notsi-
tuation jedoch erneut eintreten, würde
das dortige Ackerland bedrohlich be-
einträchtigt, meint Bodmaier. „Und vie-
le Kollegen würden ihre Existenz ver-
lieren.“ Doch schon für den Bau und
die Ausgleichsflächen selbst würden
Böden benötigt. Hab und Gut, das die
Landwirte unter Garantie nicht freiwillig
abgeben. „Kein aktiver Landwirt ver-
kauft Land“, bestätigt Josef Bodmaier.
„Wenn doch, dann nur aus finanziellen
Gründen oder weil die Kinder oder
Enkel nichts mehr mit der Landwirt-
schaft anfangen können. Ansonsten ist
jeder einzelne Quadratmeter die Le-
bensgrundlage einer Landwirtsfamilie.
Jedes Stück Land, das verschwindet,
verringert die Betriebsgröße so weit,
dass es kaum mehr wirtschaftlich ist,
weiterzuarbeiten. Zudem geht es in
der Landwirtschaft allgemein um ein
Erbe mit Verantwortung, das seit 15
bis 20 Generationen weitergereicht
und erhalten wurde. Wer auch nur
annähernd um die Runden kommt,
verkauft kein Land“, betont Bodmaier
erneut und mit Nachdruck.
Doch wie kommt der Staat dann an
die benötigten Flächen? Die traurige
Antwort lautet: durch Enteignung. Das
Grundgesetz, die Bayerische Verfas-
sung und das „Bayerische Gesetz über
die entschädigungspflichtige Enteig-
nung“ berechtigen den Staat dazu, das
„Gemeinwohl“ über das des Einzelnen
zu stellen. Zwar erhält der Enteignete
Entschädigungen, aber seine Erwerbs-
grundlage ist für immer verloren.
Hierzu gibt es im Landkreis ein aktu-
elles Beispiel im Zuge des A8-Ausbaus.
Ganze 70 Hektar landwirtschaftliche
Fläche stehen sicheren Quellen zufol-
ge zur Disposition. Dieses Land soll als
Ausgleichsfläche für den Naturschutz
dienen. „Hier muss zwingend ein
Konsens geschaffen werden, der alle
drei Seiten zufrieden stellt, den Staat,
den Naturschutz und den Landwirt“,
fordert Bodmaier und bringt sogleich
Lösungsvorschläge:
„Ökolandbau,
Wiesenpflegemaßnahmen oder Ener-
giewälder wären beispielsweise Mög-
lichkeiten, bei denen Ausgleichsflächen
wirtschaftlich genutzt werden können.
Auf diese Weise ließen sie dem Bauern
sein täglich Brot und wären dem Na-
turschutz dienlich.“ Man müsse hierzu
lediglich die Notwendigkeit der Lage
erkennen und ein wenig erfinderisch
sein, meint der Kreisobmann.
Auch hier geht der Landkreis selbst
mit Bedacht vor. Wie Pressesprecher
Fischer berichtet, achte man das hohe
„landwirtschaftliche Nutzungsinteres-
se“ und habe daher neben den fünf
angesparten Hektar Ausgleichsfläche
seitens der Umwelt-, Kultur- und So-
zialstiftung des Landkreises „großflächig
ökologisch wertvolle (Moor-)Flächen
für Naturschutzzwecke“ erworben.
Land, das sich ohnehin nicht zum Be-
stellen eignet. Derartige Vorgehens-
weisen wünschen sich Bodmaier und
seine Kollegen auch von den Volksver-
tretern auf Landes- und Bundesebene:
„Wir hören viele wohlklingende Lip-
penbekenntnisse, erfahren aber kaum
durchgreifende Handlungen. Würden
der Landwirtschaft und den nahrungs-
tragenden BödenmehrWertschätzung
und Verständnis entgegen gebracht,
könnten alle gemeinsam zuversichtli-
cher in die Zukunft blicken.“
Doch statt Planungssicherheit zu be-
kommen – das Management eines
Landwirts für Boden, Vieh, Absatz und
Familie reicht mindestens bis Ende der
nächsten Generation voraus – erhal-
ten die Erwerbsbauern lediglich wei-
tere bürokratische Aufgabenbereiche.
Noch strengere Kontrollen und noch
mehr Dokumentation schlucken mitt-
lerweile knapp die Hälfte der Arbeits-
zeit, die sinnvoller eingesetzt in Land
und Vieh investiert werden könnte.
„Als wäre das nicht unser ureigenstes
Interesse, hohe Qualität abzuliefern“,
bemerkt Bodmaier hierzu zurückhal-
tend diplomatisch.
Wie man die Landwirte durch Büro-
kratieabbau entlasten könnte, möchte
die
pressewoche
daher vom Bayeri-
schen Staatsministerium für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten wissen.
„Wir nehmen nicht einfach hin, was
den Landwirten von Brüssel über-
gestülpt wird, sondern kämpfen mit
ganzer Kraft gegen überzogene EU-
Bürokratie. So haben wir im Rahmen
der Initiative von Agrarkommissar Ho-
gan zum Bürokratieabbau 35 konkre-
te Vorschläge eingebracht. Auch der
Bundesminister hat unsere Vorschläge
aufgegriffen und sie in Brüssel unter-
stützt. (...) Der Bayerische Ansatz ist
es, Lösungen praxisgerecht zu gestal-
ten, die Landwirte bei der Suche nach
Lösungen mitzunehmen, wo möglich
auf Freiwilligkeit zu setzen und nicht,
unüberwindbare Hürden aufzubauen“,
bekommen wir zu lesen.
Direkt umsetzbar sieht die allgemeine
Hilfestellung aus, die jeder einzelne
für die Landwirtschaft leisten kann.
Bodmaier: „Man kann beim Einkaufen
darauf achten, regionale Erzeugnisse zu
erwerben. Vor allem bei den Molkerei-
produkten haben wir eine wirklich gute
Auswahl und ein reichliches Sortiment.
Weiter freuen wir uns auf Bauernmärk-
ten und in unseren Hofläden immer
über Kundschaft. Direkter und frischer
als aus der Hand des Landwirts können
Lebensmittel nicht erstanden werden.
Und schließlich ist uns bereits geholfen,
wenn die Landbewohner und Ver-
kehrsteilnehmer gerade im Frühjahr
nicht ganz so hart mit langsamen, land-
wirtschaftlichen Fahrzeugen und der
´guten, gesunden´ Landluft ins Ge-
richt gingen.“ Nicht zu vergessen, die
jedermanns „Bekannte aus München“,
die sich „so gerne im Grünen“ nieder-
lassen würde. Statt immer neue Bau-
anträge durchboxen zu wollen, könnte
ein weitsichtiger Ratschlag an solvente
Zuwanderer auch in Richtung beste-
hende Immobilie gehen. „Auf Beton
wächst kein Brot“ machten erst kürz-
lich 68 landwirtschaftliche Nachwuchs-
kräfte im Rahmen der Weiterbildungs-
maßnahme „Herrschinger Grundkurs“
in der Münchner Innenstadt klar. Damit
traten auch sie für den Flächenschutz
und den Erhalt von fruchtbaren Böden
ein. Und zwar laut und intensiv.
nik
Generationswechsel:
Wie bereits im Artikel erwähnt, wird ein Betrieb
unwirtschaftlich, wenn er Land verliert. Das Durchschnittseinkommen
eines Erwerbslandwirts von monatlichen 2800 Euro brutto (!) wird da-
durch noch knapper. Nicht zuletzt aus diesem Grund entscheiden sich
viele Kinder und Enkel von Landwirten für einen anderen Beruf. Im Hause
Bodmaier ist die nächste Generation hingegen gesichert. Andi (23, im Bild)
stellt sich der Verantwortung und den Herausforderungen der Zukunft.
Düngeverordnung:
Nach § 4 der Düngeverordnung darf mit Gülle
jährlich nur 170 kg Stickstoff pro Hektar ausgebracht werden. Bis 2014
war es möglich, bis zu 230 kg/ha für „intensiv genutztes Grünland, Wech-
selgrünland und Feldgras“ auszubringen. Benötigt ein Landwirt aber mehr,
muss er teuer zukaufen, während er den Überschuss aus eigener Produk-
tion abliefern, also wegfahren, muss. Den tatsächlichen Verbrauch hat der
Landwirt neuerdings durch regelmäßige Bodenproben zu belegen.
Milchquote:
30 Jahre lang wurde die Menge der Milchproduktion begrenzt
und die Preise pro Land und Kontingent EU-weit vorgegeben. Manche Bau-
ern gehen seit dem Wegfall der Quote auf die Barrikaden, fürchten um faire
Preise. „Die Mengenregulierung hat ohnehin nie funktioniert“, sieht Bodmai-
er den Wandel gelassen und freut sich eher über die neue wirtschaftliche
Freiheit: „Jetzt bestimmt die Nachfrage wieder das Angebot“.
Foto: LVBM
Gentechnik:
Mit dem geplanten Freihandelsabkommen zwischen Europa
und Amerika sorgen sich Verbraucher wie Landwirte um den potentiellen
Einzug der Gentechnik. Petitionen dagegen laufen bundesweit. Auf Rosen-
heim bezogen kann Bodmaier beruhigen: „Heimische Landwirte sehen
keine Notwendigkeit im Anbau von Genmais. Im Gegenteil. Wir füttern
lieber teures Kraftfutter, um eine einwandfreie Qualität zu gewährleisten,
als auf Billigprodukte mit fragwürdigem Erzeugnis zurückzugreifen.“
Wer nicht freiwillig ver-
kauft, wird enteignet.
„Wir wünschen uns
mehr Wertschätzung!“
„Auf Beton wächst
kein Brot!“
Neben dem Flächenfraß haben
sich die heimischen Landwirte
derzeit auch mit diesen Themen
zu befassen:
Mitten in
der Stadt
Zahlen, Daten
und Fakten zur
Landwirtschaft in
Rosenheim Stadt:
Gleich vorab: Auch für die inner-
städtische Flächenverteilung hat
das Statistische Landesamt noch
keine aktuellen Zahlen aus dem
Jahr 2015 parat. Die Entwicklung
ist jedoch auch mit älteren Daten
bestens einzuschätzen:
Die Stadt Rosenheim erstreckt
sich auf einem Gebiet von 37,22
km
2
. Davon sind binnen zwei
Jahren (2011 bis 2013) die Sied-
lungs- und Verkehrsflächen von
39,7% auf 40,2% gestiegen.
Die Landwirtschaftsfläche ist von
40,7% auf 40,2% gesunken.
Wald- und Gewässerflächen ha-
ben jeweils zugelegt.
Wie Christian Schwalm, Presse-
sprecher der Stadt, mitteilt, sind
derzeit „77 landwirtschaftliche
Betriebe registriert“. Die von ih-
nen bestellten Felder werden in
Rosenheim nicht als Ackerland,
sondern als Grünland eingestuft.
Im vergangenen Jahr wechselten
rund acht Hektar Grünland den
Besitzer. Der Preis liegt aktuell bei
fünf bis 20 Euro pro m
2
(ebenso
übrigens im Landkreis); je nach
Bonität des Bodens. Die bisher
verkauften Flächen „wurden
entweder weiter landwirtschaft-
lich genutzt oder für Straßen-
baumaßnahmen, Maßnahmen
zur Hochwasserfreilegung oder
naturschutzrechtliche Ausgleichs-
maßnahmen benötigt“.
Letztere sind auf dem städti-
schen Öko-Konto mit rund 30
ha vorhanden. Intensiv genutzte
Ackerflächen wären darunter laut
Schwalm keine gewesen, da es
sich hierbei um Böden mit gerin-
ger Bonität handle.
Dringend benötigt die Stadt Ro-
senheim bezahlbaren Wohn-
raum. Hierzu ist im Stadtent-
wicklungskonzept „Rosenheim
2025“ vorgesehen, diesen durch
„Nachverdichtung vor Neuaus-
weisung im Außenraum, Arron-
dierung bestehender Siedlungs-
strukturen und Umwidmung
mindergenutzter Flächenpoten-
ziale“ zu generieren.
Zur Realisierung neuer Gewer-
beflächen setzt die Stadt ebenfalls
im Sinne der Landwirtschaft auf
eine „maßvolle, flächenschonen-
de Arrondierung“. Aktuell wird
das Bahnhofsareal bereits revitali-
siert. Als Baulandreserven stehen
der Stadt rund 20 ha für das Ge-
werbe, 30 ha für Wohnbau und
zehn ha gemischtes Bauland zur
Verfügung.
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